Warum Inklusion die beste Förderung ist – und die Sonderschule endlich der Vergangenheit angehören sollte: Mein Beitrag zum scoyo Blog Award

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Inklusion

Hallo Ihr Lieben,

wie Ihr wisst, ist das Thema Inklusion im letzten Jahr zu einem sehr wichtigen Bereich hier auf dem Blog geworden – zum einen aus persönlichen Gründen, weil ich mir für den Löwenjungen ein inklusives Umfeld wünsche, zum anderen aus gesellschaftspolitischer Überzeugung – denn im Grunde wünsche ich mir für JEDES Kind, ob mit oder ohne Besonderheit, ein solches inklusives Umfeld. Warum meiner Meinung nach Inklusion für alle wichtig ist, habe ich ja hier schon einmal aufgeschrieben.

Deshalb war ich natürlich sehr begeistert, als ich das diesjährige Thema des scoyo ELTERN Blog Awards gesehen habe: „Nachhilfe und Förderung. Was hilft unseren Kindern wirklich?“ Klar, dass sich mein Beitrag zu diesem Thema auch wieder um Inklusion dreht – denn für mich ist ein inklusives Lern- und Bildungsumfeld definitiv die beste Förderung! Aber lest selbst meinen Beitrag zum diesjährigen scoyo ELTERN Blog Award!

Dass Menschen mit Behinderung nicht benachteiligt und diskriminiert werden dürfen, ist schon seit langer Zeit in unserem Grundgesetz festgelegt. Seit fast 10 Jahren kommt dazu noch die UN-Behindertenrechtskonvention, in der genauer dargelegt wird, welche Maßnahmen die zustimmenden Länder ergreifen müssen, damit Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am Alltag und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Und dass Inklusion Kindern mit Behinderung zugute kommt, ist inzwischen vielfach bewiesen. Raul Krauthausen verlinkt immer wieder interessante Studien dazu. In der Inklusion lernen sie von und mit anderen Kindern, bisher unentdeckte Potentiale, die an der Sonderschule vielleicht gar keine Beachtung gefunden hätten, können hier zutage kommen – weil das Kind zum Beispiel in einer inklusiven Lerngruppe sein Talent für Mathematik entdeckt. Oder weil es in seiner Lerngruppe Präsentationen vorbereitet und vor der ganzen Klasse hält – was in einer Sonderschule mit 5 schwerstbehinderten Kindern so gar nicht möglich wäre.

An einer normalen Schule haben Kinder mit Behinderung aber nicht nur die Möglichkeit, sich Wissen zu erschließen, das ihnen an der Sonderschule nicht zugänglich wäre. Gleichzeitig lernen sie auch soziale Normen und die Regeln des gemeinsamen Lebens. An der Sonderschule auf der anderen Seite sind diese Regeln oftmals nur bedingt gültig. Wenn alle Schüler mehr oder weniger starke Auffälligkeiten zeigen, bleibt nur wenig Konsens, an dem sich die Schüler orientieren können. Dazu ein ganz praktisches Beispiel: Kind X hat eine geistige Behinderung. Im integrativen Kindergarten hat es ganz normal am Morgenkreis mit 20 Kindern teilgenommen. Im teiloffenen Konzept hat es sein Fotokärtchen aus dem Körbchen genommen, sich eine Aktivität ausgesucht und sein Foto auf das Aktivitätskärtchen gepinnt. Dann hat es seine Sachen genommen und ist selbständig in den Raum gegangen, in dem die Aktivität stattfand, und hat voller Freude daran teilgenommen. Dieses Auswahlverfahren hat nicht länger als 10 Minuten gedauert. Jetzt kommt dieses Kind in die Sonderschule. Beim Morgenkreis sind nur vier andere Schüler dabei. Ein Kind sitzt teilnahmslos daneben und kaut an seinen Fingernägeln. Ein Kind schreit laut und will immer weglaufen. Das dritte Kind versucht immer wieder, die Fotokarten in die Luft zu werfen. Das vierte Kind ist motiviert, sein Foto zu suchen und auf die Bildkarte für das Schulgebäude zu setzen. Insgesamt dauert es 30 Minuten, bis alle Schülerbilder auf dem Bild des Schulgebäudes gelandet sind. Was meint Ihr, was wird das Kind X machen? Was wird es dort lernen? Wie wird es sich nach drei Monaten an dieser Schule verhalten? Und nun stellt Euch einmal das Kind X an einer normalen Grundschule vor. Wieder Morgenkreis, diesmal wieder mit vielleicht 20 Schülern. Vielleicht sind auch hier wieder Schüler dabei, denen es schwerfällt, am Morgenkreis teilzunehmen. Vielleicht brauchen diese Schüler dabei sonderpädagogische Begleitung oder die Hilfe eines Schulbegleiters – dies ist ja im Idealfall an einer inklusiven Schule gegeben. Dennoch bleiben dem Kind X noch 15 Schüler, die am Morgenkreis teilnehmen. Die Norm, die ihm vorgelebt wird, ist eine ganz andere.

An dieser Stelle kommt meist der Einwand, dass es ja auch „schwerer beeinträchtigte“ Kinder als mein Kind gäbe – und dass diese Kinder den Schonraum einer Sonderschule bräuchten, weil sie mit den Bedingungen des aktuellen Schulsystems überfordert seien.

Ich gebe zu – lange Zeit habe ich selbst so gedacht und habe das Sonderschulsystem bis vor ein paar Monaten selbst verteidigt (auch wenn ich es schon damals nicht für das richtige System für mein Kind gehalten hatte). Aber irgendwann fiel mir auf, dass ich selbst, obwohl ich eigentlich ganz andere Werte lebe, tief in mir drin immer noch diesen Glaubenssatz hegte, dass ein Mensch in einem bestimmten System zu funktionieren hat. Aber überlegt doch einmal, welche Rolle das System und der Mensch spielen – und spielen sollten: Soll der Mensch sich einem System anpassen und gut funktionieren (siehe zum Beispiel die aktuelle Debatte von Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, siehe die Rolle der Märkte, etc.) – und außerhalb des Systems stehen, wenn er nicht produktiv genug ist (wenn er keine ausreichenden kognitiven Leistungen erbringt, wenn er um 16 Uhr seine Kinder abholt anstatt im Meeting zu sitzen, wenn…. )? Oder sollte der Mensch das von ihm selbst geschaffene System so anpassen und umgestalten, dass jeder Teil dieses Systems sein kann (und vielleicht nie im 100er-Raum rechnen lernt, aber dafür spürt, wenn ein Mitschüler unglücklich ist / und zwar nicht um 16 Uhr am Meeting teilnimmt, aber morgens gerne und motiviert zur Arbeit geht, weil er weiß, dass er ohne zusätzlichen Stress Arbeit und Familie vereinbaren kann)? Wenn also das aktuelle Bildungssystem manche Schüler aussondert – dann ist jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt zu überlegen, wie alle Schüler mit ins Boot geholt werden können. Natürlich bietet die Sonderschule einen Schonraum an – aber wer sagt, dass man diesen Schonraum nicht auch an einer normalen Schule schaffen kann?

Ok, sagt Ihr nun vielleicht, aber was ist mit den Kindern ohne Beeinträchtigung? Welche Vorteile haben sie von der Inklusion?

Nun, üblicherweise kommen an dieser Stelle zwei Argumente, die ich selbst auch sehr wichtig finde: Diie Kinder lernen soziales Miteinander und dabei die praktische Umsetzung von Werten wie Respekt, Toleranz und Offenheit. Gleichzeitig können sie Barrieren, Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit Menschen, die auf irgendeine Weise anders sind, abbauen – oder besser gesagt gar nicht erst entstehen lassen.

Gleichzeitig profitiert aber auch jedes Kind von der Inklusion, weil es noch individueller betrachtet wird als vorher. Die Leiterin unserer künftigen Grundschule hat beim Elternabend einen, wie ich finde, sehr treffenden Vergleich zwischen der Arbeitsweise der Grundschullehrer und der Sonderpädagogen gezogen, den ich hier gerne sinngemäß wiedergeben möchte: „Wir Grundschullehrer haben immer in erster Linie die Bildungspläne im Blick und viel zu oft vermitteln wir das Wissen nach dem Gießkannenprinzip. Die Sonderpädagogen hingehen haben einen ganz anderen Ansatz, sie betrachten das gesamte Kind und holen es da ab, wo es steht.“ Wenn Grundschullehrer, Sonderpädagogen und Schulbegleiter sich als ein Team begreifen, das gemeinsam die ganze Klasse beim Lernen begleitet, dann tut die Inklusion wirklich jedem Kind gut.

In meinem Artikel „Warum Inklusion für alle wichtig ist“ habe ich schon geschrieben, dass es für jedes Kind ein Vorteil ist, wenn das Normverständnis erweitert ist und jeder so sein darf, wie er ist.

Ja, sagen an dieser Stelle oft selbst diejenigen, die eigentlich Inklusion befürworten, aber das kostet doch wahnsinnig viel Geld! Und zum jetzigen Zeitpunkt stellt die Politik nur so wenige Mittel für Inklusion zur Verfügung, dass es eigentlich gar nicht funktionieren kann!

Meine Antwort darauf: Ja, Inklusion kostet Geld. Was die meisten aber nicht sehen, ist folgendes: Dieses Geld ist eigentlich da. Es fließt nur bisher fast ausschließlich in die Erhaltung des Paralleluniversums der Sonderschulen. Diese Schulen profitieren von einer personellen und materiellen Ausstattung, von der Regelschulen in den meisten Fällen nur träumen können. Solange aber die Sonderschulen gut besucht sind, wird sich an der Verteilung der Ressourcen nicht viel ändern. Und außerdem: Geld ist nur einer von mehreren Faktoren, die zum Gelingen der Inklusion beitragen. Noch wichtiger ist die Haltung der beteiligten Personen – von den Lehrkräften über die Schulbegleiter bis hin zu den Eltern aller Schüler. Eine gut ausgestattete Schule alleine macht noch keinen guten Unterricht – das gilt für die Inklusion ganz genauso.

Übrigens kann jeder zum Gelingen der Inklusion beitragen – nicht nur die Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung und ihre Lehrer und Schulbegleiter. Auch Eltern von nichtbehinderten Kindern können sich engagieren: Sie können der Schule bzw. der Schulbehörde signalisieren, dass sie Interesse an einer inklusiven Schule haben. Sie können betroffenen Eltern im Bekanntenkreis zeigen, dass sie sie auf dem Weg der Inklusion unterstützen und natürlich können sie sich in der Elternarbeit in der Schule engagieren und so auch die Arbeit der Lehrer und Schulleitung unterstützen.

Durch inklusives Lernen gestalten wir die Gesellschaft von morgen – und es ist an uns, zu entscheiden, ob wir uns für unsere Kinder eine Welt mit Parallelgesellschaften wünschen – oder eine Gesellschaft für alle. Denn dann sollte es auch eine Schule für alle geben.

Mit diesem Text verabschiede ich mich nun in die Sommerpause. Auf meiner Facebookseite werde ich in den nächsten Woche die meistgelesenen Artikel aus dem letzten Jahr teilen – ich freue mich, wenn Ihr vorbeischaut! Hier werdet Ihr Anfang September wieder von mir lesen.

Ich wünsche Euch einen wunderbaren Sommer – und freue mich auf September!

Alles Liebe

Eure Kleinstadtlöwenmama

PS: Zwei kleine Anmerkungen zur sprachlichen Gestaltung dieses Textes: Wegen der besseren Lesbarkeit habe ich fast ausschließlich das generische Maskulinum verwendet – weil einfach so oft von Schüler*innen, Lehrer*innen, Schulbegleiter*innen etc. die Rede ist, dass ich Angst hatte, man würde vor lauter Sternchen den Inhalt aus den Augen verlieren. Wer schon länger meinen Blog liest, weiß außerdem, dass ich hier konsequent von Sonderschulen schreibe, wenn ich über spezielle Schulen für Kinder mit (zum Beispiel geistiger) Behinderung schreibe. Diese Schulen haben inzwischen in fast jedem Bundesland einen anderen Namen – hier in Baden-Württemberg z.B. heißen sie „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung“ – in anderen Bundesländern schlicht „Förderschule für geistige Entwicklung“. Da es noch dazu je nach Bundesland bis zu 9 Förderschwerpunkte (körperliche Entwicklung, sozial-emotionale Entwicklung, Lernen, etc) gibt, habe ich mich entschlossen, immer den Begriff Sonderschule zu verwenden – er ist für alle Leser am verständlichsten.

 

 

18 Gedanken zu „Warum Inklusion die beste Förderung ist – und die Sonderschule endlich der Vergangenheit angehören sollte: Mein Beitrag zum scoyo Blog Award

  1. Liebe Kleinstadtlöwenmama,
    ein sehr lesenswerter Artikel! Ich glaube, dass Schule endlich ein Ort werden muss, an dem alle Kinder in ihrem Tempo, nach ihren Interessen lernen dürfen. Dann brauchen wir keine Einteilung in Gymnasium, Real-, Haupt- und Sonderschule, keine Schubladen. Dann kann Schule ein Spiegelbild unserer bunten Gesellschaft sein. Ich freue mich, dass ihr euren Weg geht und wünsche euch einen schönen Schulstart!
    Liebe Grüße,
    Katha

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  2. Hallo Löwenmama,

    erstmal danke für deinen Blog, ich lese schon länger und er ist wirklich bereichernd.
    Ich möchte zu 3 Punkten etwas in die Diskussion werfen:
    Zum Punkt Schonraum-Sonderschule:
    Die Gruppe der Schulkinder mit Behinderung ist im Vergleich zur Gruppe der Schulkinder ohne Behinderung um ein unendlich Vielfaches heterogener. Selbst wenn ich bei der Gruppe der Schulkinder ohne Behinderung alle Altersstufen von 6 – 18 Jahren einbeziehen würde, wäre sie noch sehr viel homogener. Auch lässt sich Krankheit/ Behinderung nicht immer komplett abgrenzen, denn es gibt Erkrankungen (z.B. Stoffwechsel), die zum Verlust von Fähigkeiten und somit zu Behinderungen führen. Und es gibt auch Schulkinder, deren Erkrankung/Behinderung so stark die Lebenszeit verkürzt, dass sie das Ende ihrer Schulzeit nicht werden erleben können.
    In der Inklusions-Diskussion taucht der Schonraum-Sonderschule oft negativ besetzt auf, im Sinne eines kontraproduktiv in Watte packen. Ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich für alle Kinder mit Behinderung für die gesamte Dauer ihrer Schulzeit die Regelschule immer der bessere Weg ist.
    Schonraum kann auch Entlastung für das Kind bedeuten.
    Erwachsene ohne Behinderung nehmen sich auch ihren Schonraum, wenn sie es brauchen und klinken sich vorübergehend aus dem regulären Alltag.
    Wie man das lösen könnte, wenn es nur wenige oder keine Sonderschule gibt, weiß ich nicht, aber man könnte überlegen.

    Ein zweiter Punkt sind die Kosten der Inklusion. Wirklich inklusiv gedacht wäre es, wenn man das komplette Bildungssystem als einen einzigen Topf betrachten würde, vom Kindergarten bis zu Ausbildung / Hochschule. Egal, wo jemand steht, ob Kleinkind oder junger Erwachsener, mit oder ohne Behinderung. Inklusion wäre so kein separater Kostenpunkt (welch Wortwitz in sich 🙂 ), sondern würde in der Gesamtmasse der Bildungskosten aufgehen.

    Der letzte Punkt:
    Du schreibst, dass die Haltung der LehrerInnen, SchülerInnen und SchulbegleiterInnen wichtig für das Gelingen der Inklusion ist, dass allein eine gut ausgestattete Schule noch keinen guten Unterricht macht. Das sehe ich genauso.
    Aber umgekehrt wird eine schlecht ausgestattete Schulsituation mit einer nicht ausreichenden Anzahl an LehrerInnen und einem Zuwenig an Material und Räumlichkeiten ein Gelingen der Inklusion verhindern. Gute LehrerInnen können sicher eine schlechte Situation bis zu einem gewissen Grad kompensieren, aber eben nicht endlos. Das gilt natürlich auch unabhängig vom Thema Inklusion: eine miserable Ausstattung beeinträchtigt und verhindert generell gute Unterrichtsqualität und wird zum Abwandern an Privatschulen führen.

    Ich wünsch dir einen schönen Sommer, hier im Süden starten wir ja gerade erst in den Urlaub !
    LG

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    • Liebe Barbara, aus unerfindlichen Gründen war Dein Kommentar im Spam-Ordner gelandet, daher habe ich ihn gerade erst entdeckt.

      Ich stimme Dir zu: Manche Schüler*innen (und Erwachsene) brauchen im Alltag Schonräume. Warum diese aber nur Menschen mit Behinderung zustehen sollten, verstehe ich nicht. Ich kenne genug Kinder ohne diagnostizierte Beeinträchtigung, die an einer großen Schule, in einer Klasse mit vielen Mitschülern völlig überfordert sind.

      Daher teile ich auch Deine Idee, einen großen „Topf“ für Bildung allgemein zu machen – in diese Richtugn zielt ja auch meine Vision, ein Schulsystem zu schaffen, in dem jede*r seinen Platz hat – egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung.

      Und natürlich beeinflusst eine schlechte Ausstattung (personell oder materiell) das Gelingen der Inklusion ganz maßgeblich, da gebe ich Dir recht. Ich denke aber, dass ein guter Lehrer an einer schlecht ausgestatteten Schule mehr bewirken kann als zwei schlechte Lehrer an einer super ausgestatteten Schule! 😉

      Übrigens wären wir wegen der desolaten Umsetzung der Inklusion ja auch beinahe an der Privatschule gelandet…

      Dir auch einen schönen Sommer und liebe Grüße!

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  3. Ich finde diese Argumentation „Das Geld ist da – fließt aber in die Sonderschulen“ menschenverachtend gegenüber den Kindern, die die Bedingungen an FS brauchen und unter derzeitigen Bedingungen nicht inklusive wenn überhaupt verschult werden können! Außerdem ist es eine Milchmädchenrechnung – denn wenn selbst sofort alle FS geschlossen würden, würden diese Kapazitäten ausschließlich auch den jetzigen FSKindern zugute kommen müssen, damit sie überhaupt verschult werden können. Eine Zwangsinklusion ist nicht nur nicht finanzierbar (unter derzeitigen Bedingungen) – sie wäre auch massiv kindeswohlgefährdend!

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    • Liebe AutismusMommy,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Mir ist durchaus bewusst, dass es nicht wenige Kinder gibt, die, wie Du schreibst, „unter derzeitigen Bedingungen nicht inklusive wenn überhaupt verschult“ werden können. Aber eben um diese „derzeitigen Bedingungen“ geht es mir ja in meinem Artikel. Ich wünsche mir ein Schulsystem, in dem jedes Kind seinen Platz findet – und dazu müssen die Rahmenbedingungen des aktuellen Systems geändert werden (zB Klassengrößen, Unterrichtsgestaltung, Lernumfeld, Fachpersonal wie zB Therapeuten vor Ort etc).

      Eine Zwangsinklusion, vor allem unter den derzeitigen Bedingungen, lehne ich auch ab, keine Sorge!
      Aber ich finde auch andersherum, dass von einem geänderten Bildungssystem auch die jetzigen sogenannten „Regelschüler“ profitieren würden, denn auch viele Kinder ohne Behinderung/Beeinträchtigung stoßen an die Grenzen des jetzigen Schulsystems oder „laufen einfach so mit“, ohne richtig gefördert zu werden.

      Ich hoffe, mein Standpunkt ist etwas klarer geworden! 🙂

      Viele Grüße

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    • Ich teile die Auffassung von Autismusmommy. Anfangs dachte ich , Inklusion lasse sich leichter für sehr schwer behinderte Schüler umsetzen. Nachdem ich, als betroffene Mutter und Lehrerin, sehr viele unterschiedliche Unterrichtssituationen durchgedacht habe, habe ich eine andere Sichtweise gewonnen. Sehr schwer beschulbare Kinder, die trotz aller Förderung gerade mal in der Lage sind, Kreise zu malen und ein paar wenige Wörter zu reden, die sie aber sehr selten herausbekommen, die zudem motorisch recht aktiv sind, wären in einer Klasse mit über 8 Schülern und in üblichen Lernsituationen in der falschen Lebenswelt. Gerade sie sind es, die sich so verhalten, wie Sie oben beschreiben: schreien, herumrennen, Karten herumwerfen. Oder nur teilnahmslos herumsitzen, wenn sie nicht aus ihrer eigenen Welt, durch ganz intensive Einzelzuwendung, herausgelockt werden. In der Sonderschule meines Kindes waren die Klassen sehr klein. Sie waren immer mit zwei pädagogischen Kräften besetzt. Manchmal waren noch Hilfskräfte dabei. Die Klassen waren heterogen gebildet, d.h., die Schwächsten, wie mein Kind, hatten die Gelegenheit, von Begabteren zu lernen. Trotzdem blieben große Unterschiede. Natürlich fehlte den besseren Schülern der Anreiz durch noch leistungsstärkere Schüler.
      Wenn Inklusion bei manchen Behinderten gut gelingt, warum nicht? Aber diese ideelle Vorstellung von der Abschaffung aller Sonderschulen stört mich inzwischen auch sehr. Mein Kind hat nicht einmal im Zahlenraum bis 10 rechnen gelernt. Es kann kein Wort lesen geschweige denn schreiben. Wie sehr soll sich da eine Regelschule anpassen?

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      • Guten Morgen, danke für den Erfahrungsbericht! Sie schreiben: „Sehr schwer beschulbare Kinder (…) wären in einer Klasse mit über 8 Schülern und in üblichen Lernsituationen in der falschen Lebenswelt.“ und „Natürlich fehlte den besseren Schülern der Anreiz durch noch leistungsstärkere Schüler.“ – das zeigt mir eigentlich nur einmal mehr, dass das Bildungssystem so, wie es JETZT ist, für viele Kinder eben nicht geeignet ist. Deshalb muss man meiner Meinung nach dort ansetzen und das jetzige System verändern. Denn, wie Sie selbst sagen, im Sonderschulsystem wiederum fehlte den besseren Schülern der Anreiz.
        Viele Grüße,
        Bettina

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      • Danke für Ihre Antwort.
        Wenn ich schreibe, den besseren Schülern fehle der Anreiz durch leistungsstärkere Mitschüler, dann heißt das nicht, dass zwangsläufig Schüler bessere Lernergebnisse haben, wenn sie mit Begabteren zusammen sind. Das müsste durch empirische Studien belegt werden. Ich meinte damit, man kann es so sehen,dass den besseren Schülern in dieser Situation etwas fehlt, und deshalb den Wunsch nach einer Regelschule haben. Nicht berücksichtigt wird bei dieser monokausalen Denkweise, mit der heutzutage häufig argumentiert wird , dass es noch viele andere Faktoren gibt, die für den Lernerfolg verantwortlich sind. Ich schrieb ja auch „Trotzdem blieben große Unterschiede“.

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  4. Liebe Großstadtlöwenmama,
    vielen Dank für dein Engagement, dich so für Inklusion in allen Lebensbereichen und Institutionen einzusetzen.
    Ich arbeite an einer reinen Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in NRW, bin aber von den Inhalten der UN-Konvention überzeugt und denke, dass dies für Menschen mit einer Behinderung eine wichtige Errungenschaft ist.
    Daher möchte ich auch nicht die Grundsätzlichkeit von Inklusion hier in Frage stellen oder diskutieren.
    Was mich jedoch stört (und dies auch in Plädoyers von Befürwortern von reinen Förderschulen), sind Beispiele aus Institutionen, egal welcher Richtung, mit denen versucht wird, für seine Grundhaltung „Argumente“ zu finden.
    Dein Beispiel des Morgenkreises an einer reinen sonderpädagogischen Einrichtung mag vielleicht irgendwo so existieren. Dies ist jedoch aus meiner Sicht eher als Ausnahme zu sehen. Denn auch an Förderschulen steht das Lernen von sozialen Normen und das soziale Miteinander im Vordergrund. Regeln gelten für alle – auch für Schülerinnen und Schüler mit großem herausforderndem Verhalten.
    Klassengrößen von 5 Schülern sind in NRW nicht existent. An unserer Schule gibt es Klassenstärken von 9 – 14 Schülerinnen und Schülern. Dabei sind die Klassen bewusst so zusammengestellt, dass die Schülerschaft heterogen ist.
    Auch hier lernen die Schülerinnen und Schüler voneinander. Soziales und Inhaltliches.
    Zudem besteht an reinen Förderschulen ebenfalls die Möglichkeit, sich individuell Wissen anzueignen. Offene Unterrichtsformen, Individualisierung, innere und außerdem Differenzierung und selbstständiges Lernen sind auch dort keine Fremdwörter.
    Unabhängig von inklusiver oder sonderpädagogischer Beschulung ist eine Schule grundsätzlich für keinen Schüler als „Schonraum“ angedacht. Jede Schule hat einen Bildungsauftrag, jede Schülerin und jeder Schüler wird unabhängig von Art und Schwere der Behinderung nach ihren/seinen Möglichkeiten unterrichtet und gefördert.
    Wie gesagt, dies ist kein Plädoyer für eine reine Förderschule, aber ein Plädoyer dafür, sich bei der Diskussion und den Einsatz für ein Grundrecht an Fakten und nicht an Stimmungen zu bedienen.
    LG
    Rico

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    • Hallo Rico,
      ich danke Dir für Dein differenzierendes Feedback! Die Beispiele, die ich in meinem Text gewählt habe, sind – natürlich – die, die ich hier (= in Baden-Württemberg) selbst erlebt habe, als ich mir letztes Jahr auf der Suche nach einer geeigneten Schule für meinen Sohn alle hier angesiedelten Schulformen angeschaut habe. Daher habe ich mich in meinem Artikel in allererster Linie an meinen Erfahrungen bedient, sowie an den hier bestehenden Fakten – und nicht an Stimmungen, denn hätte ich mich an der hier allgemein herrschenden Stimmung bedient, hätte ich wohl eher einen Artikel gegen Inklusion schreiben müssen 😉

      Was mir allerdings bei Diskussionen immer und immer wieder auffällt, sind die eklatanten Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Hier in Baden-Württemberg sind Klassen von 5 Schülern in einer Sonderschule keine Ausnahme, sondern ganz oft die Regel. Außerdem gibt es nicht wenige „Zergensonderschulen“ mit nur 20 Schülern (an der gesamten Schule) – genauere Informationen dazu findest Du beim Projekt „Inklusionsbeobachtung und -begleitung Baden-Württemberg“ von der LAG Gemeinsam leben, gemeinsam lernen Baden-Württemberg. Ich weiß, dass in einigen Bundesländern die Situation ganz anders aussieht. Durch die unterschiedlichen Schulgesetze und auch Bezeichnungen von Schulformen, Verfahren etc. ist es fast unmöglich, die einzelnen Bundesländer miteinander zu vergleichen.

      Doch auch wenn die Situation in anderen Regionen Deutschlands (und vielleicht sogar schon in der nächstgrößeren Stadt) ganz anders aussieht, so ist meine Idealvorstellung doch ein Regelschulsystem, das Platz für alle Schüler bietet.

      Liebe Grüße
      Bettina

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  5. Pingback: 55 Fragen an Elternblogger | Kleinstadtlöwen

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