Mein Baum der Erinnerung

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Heute vor einem Jahr ist meine Oma mit 95 Jahren gestorben. Was für eine besondere Persönlichkeit war, ist mir als Jugendliche und auch als Studentin noch nicht aufgefallen. Erst seit ich selbst Kinder habe, ist mir dies wirklich bewusst geworden – und zur Zeit, also seit ich alleinerziehend bin, noch einmal mehr. Als Kind bzw. Jugendliche habe ich erlebt, wie meine Oma:

  • regelmäßig zu uns kam, um auszuhelfen, da meine Eltern beide voll berufstätig waren
  • mit knapp 80 (?) Jahren bei einer der ersten „Trauungen“ von Homosexuellen eingeladen war (damals noch eingetragene Lebenpartnerschaft) und mit größter Freude und Selbstverständlichkeit an der Feier teilgenommen hat
  • mit 75 Jahren meinen damaligen Klavierlehrer aufs Nachhaltigste beeindruckt hat
  • in jeder Lebenslage perfekt angezogen und gestylt war
  • lange Jahre Autorallyes fuhr
  • als Österreicherin nicht nur die beste Köchin und Bäckerin der Familie war, sondern noch dazu die perfekte Gastgeberin
  • sich natürlich auch häufiger in die Art der Erziehung meiner Mutter eingemischt hat 😀

Seit ich selbst Mutter geworden war, hatte meine Oma:

  • mich im Wochenbett und auch sonst besucht (meine Tante hat sie netterweise regelmäßig die zweistündige Strecke zu mir gefahren) und mir Kuchen, selbstgemachte Frankfurter Grüne Soße mit Kartoffeln, Blumen und viel Liebe mitgebracht
  • mit meinen Kindern gejuchzt und gespielt (vor meinem ersten Kaffee zeitweise zuviel für mich), sie im Jahr vor ihrem Tod noch von der Rutsche aufgefangen und herumgewirbelt (mir tat der Rücken schon vom Zusehen weh!)
  • mich regelmäßig angerufen (manchmal auch zu regelmäßig 🙂 ), sich bis zum Schluss mit mir über Politik unterhalten oder mir erzählt, was sie wieder neues über das Downsyndrom gehört hat (wessen Kind auch Downsyndrom hat, warum es wie gefördert wird und an welche Schule es gehen soll….)
  • sich immer für mein Privatleben, meine Arbeit und natürlich meine Kinder interessiert
  • sich natürlich auch häufiger in meine Art der Erziehung eingemischt 😀

Auf ihrer Beisetzung vor knapp einem Jahr ist mir dann klargeworden, dass meine Oma:

  • bereits in den späten 50er und 60er Jahren alleinerziehend war – damals noch eine Seltenheit und bestimmt nicht einfach zu leben
  • zu dieser Zeit dennoch zeitweise berufstätig war
  • sich parallel dazu ehrenamtlich engagiert und einen heute renommierten Frauenverein mit aufgebaut hat
  • nie wieder geheiratet hat, obwohl die Männer mit Sicherheit Schlange standen
  • nicht nur in unserer Familie, sondern auch in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis als perfekte Gastgeberin, aufmerksame und interessierte Gesprächspartnerin und unglaublich disziplinierte, aber gleichzeitig herzliche Person bekannt war

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Mit den Löwenkindern habe ich nach dem Tod ihrer „Uri“ öfter das wunderschöne Büchlein „Der Baum der Erinnerung“ gelesen, in dem der Fuchs stirbt und seine Freunde, die Waldtiere, sich gemeinsam zurückerinnern – und aus diesen Erinnerungen schließlich ein großer, starker Baum wächst, der den Waldtieren Schutz und Unterschlupf bietet. Die Kinder waren von den schönen Bildern begeistert und mir persönlich gefallen die Geschichte und das Bild des Erinnerungsbaums sehr gut.

Am Wochenende wird das Löwenmädchen seinen 4. Geburtstag feiern. Beim gemeinsamen Kuchenbacken werde ich den Kindern, wie zu jedem Geburtstag, sagen, dass ich von ihrer Uri gelernt habe, dass in jeden Kuchenteig eine Prise Salz gehört. Vielleicht wird auch meine Mutter mit ihnen Kuchen backen – und genau das gleiche sagen. Für einen Augenblick werde ich mich dann daran erinnern, wie ich selbst als Kind mit meiner Oma Kuchen gebacken haben (ok, seien wir ehrlich: wie ich meiner Oma beim Kuchenbacken zugeschaut habe – denn Geduld und Andere-machen-lassen waren nicht ihre Stärken!). Und so teile ich nach und nach meine Erinnerungen mit den Löwenkindern – auch wenn ich die dringendste Frage des Löwenmädchens nicht beantworten kann: Hatte unsere Uri als kleines Mädchen ein Hochbett? – Vielleicht sollte ich das zum Anlass nehmen, endlich einmal die österreichischen Verwandten zu kontaktieren und bei ihren Schwestern nachzufragen!

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Ein Gedanke zu „Mein Baum der Erinnerung

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