Mental Load bei Eltern von Kindern mit Behinderung – mit Buchtipp

Liebe Leser*innen,

manchmal kursieren auf Facebook mehr oder weniger lustige Listen mit Titeln wie „10 Dinge, die Du nur kennst, wenn Du ein echter Saarländer bist“ oder ähnliches. Und wie das halt so ist, wenn man irgendeinen Bezug zu dem Thema hat (ich bin zum Beispiel halbe Saarländerin), dann schaut man sich die Liste an, um herauszufinden, ob man wirklich alle Dinge kennt. So ähnlich ging es mir auch eines Tages mit der Liste „10 Dinge, die Du kennst, wenn Du ein Kind mit Behinderung hast“ – heute erinnere ich mich zwar nicht mehr an alle Punkte, aber einiges ist mir im Gedächtnis geblieben: Weiterlesen

Inklusion ja – aber wie? Der Index für Inklusion (Rezension)

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Inklusion

Liebe Leser*innen,

letztes Jahr hatte ich das große Glück, bei einem Workshop von Ines Boban und Andreas Hinz dabei sein zu dürfen. Die beiden haben den Begriff der Inklusion in Deutschland maßgeblich geprägt und sind durch ihre Arbeit mit dem Index für Inklusion* sowie – insbesondere Ines Boban – durch ihre Organisation von Zukunftsfesten bestens bekannt.

Dieser Workshop mit dem Titel „Anknüpfungspunkte Inklusion“ war für mich wirklich ein augenöffnender Moment, bei dem mir die volle Tragweite des Inklusionsbegriffes erst richtig bewusst wurde. Auch wenn ich mir schon vorher „Inklusion“ für den Löwenjungen gewünscht hatte, so ist mir erst an diesem Tag klargeworden, dass Inklusion sehr viel mehr ist als lediglich die Teilhabe von Kindern mit Behinderung am Unterricht. Inklusion betrifft jeden von uns und heißt, dass jeder so, wie er ist, seinen Platz in unserer Gesellschaft findet, unabhängig von seinem familiären Hintergrun und seinen Besonderheiten. Es ist eine generelle Haltung dem Menschen gegenüber. Der Grundstein dafür wird in der Schule gelegt – und dass Deutschlands Schulen auch heute noch an vielen Stellen recht verschlossen wird, wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen (Beispiele: Die Chancen für ein „Nichakademikerkind“, ein Studium zu absolvieren, sind erheblich geringer als in anderen Ländern. In Baden-Württemberg wird bisher kein einziges Kind mit geistiger Behinderung an einem Gymnasium inklusiv beschult. Kinder mit Migrationshintergrund verlassen die Schule wesentlich häufiger ohne Abschluss).

Die Schule als Abbild der demokratischen Gesellschaft ist für alle da – und sollte die Wünsche und Bedürfnisse eines jeden berücksichtigen. Dies geht aber nur, wenn die Schule sich öffnet und sich in Richtung Inklusion und Demokratie weiterentwickelt. Wie dies gehen soll, wird sehr anschaulich im Index für Inklusion* erklärt, den der Beltz Verlag mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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Das Buch erläutert zuerst den Ansatz des Indexes: Er unterteilt den Prozess zunächst in drei Dimensionen ( A: Inklusive Kulturen schaffen, B: Inklusive Strukturen etablieren, C: Inklusive Praktiken entwickeln). Für jede dieser Dimensionen gibt es zunächst zwei Unterpunkte, die wiederum durch verschiedene Indikatoren definiert werden. So ist zum Beispiel „Eine Schule für alle entwickeln“ der erste Unterpunkt von der Dimension B. Einer der Indikatorn in diesem Bereich heißt: „Die Schule organisiert Lerngruppen so, dass die Vielfalt abgebildet und das Lernen aller unterstützt wird.“ Nun gibt das Buch mit diesen Indikatoren viele konkrete Denkanstöße – aber wer nun einen vorgefertigten Aktionsplan erwartet, wird enttäuscht sein. Für jeden Indikator steht eine Liste mit Fragen bereit, der alle am Schulgeschehen beteiligten Personen zum Nachdenken, zum Austausch und zum gemeinsamen Handeln bringen soll. So soll jede Schule ihren eigenen Weg zur Inklusion finden und dabei durch den Index Hilfestellung und Anregungen finden.

Die Autoren schreiben hierzu:

Inklusion ist ein Prozess, der nie endet. (…) Es geht darum, Entwicklungen so zu gestalten, dass sie das Lernen und die Teilhabe aller unterstützen: der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien, des Schulpersonals und der Mitgelider der Schulgremien sowie der Menschen aus dem Umfeld der Schule. (…) Ein gemeinsames Verständnis von Inklusion kann leichter entstehen, wenn man sich mit den Auswirkungen in der Praxis auseinandersetzt anstatt mit abstrakten Ideen und ohne eine Vorstellung von der praktischen Umsetzung. (…) Inklusion ist für uns ein kontinuierlicher Prozess aktiver Teilhabe mit dem Ziel, partizipative Strukturen zu schaffen und inklusive Werte in Handeln umzusetzen. (…) Inklusion will, dass Menschen sich wohlfühlen und Einrichtungen sich öffnen. Vor allem bedeutet Inklusion das Umsetzen inklusiver Werte in Handeln.

Eben diese zitierten Werte werden im ersten, theoretischen Teil des Buches genauer dargestellt und erläutert. Außerdem wird diesem „Rahmen inklusiver Werte“ auch ein Rahmen exkludierender Werte gegenübergestellt.

Schließlich gibt der Index* auch Hinweise, wie Lehrpläne und Curricula neu und inklusiv gestaltet werden könnten – auch dies ein sehr spannender Ansatz, der auch die Frage aufwirft, was wir eigentlich zu welchem Zweck lernen – und wie man den Lernstoff anders verknüpfen könnte.

Ich kann die Lektüre dieses Buches also nicht nur denen empfehlen, die sich mit Schulentwicklung beschäftigen (also Lehrer, Mitglieder in verschiedenen Schulgremien etc.), sondern auch allen anderen, die sich für Inklusion interessieren und die sich fragen, wie  genau der Wandel hin zu einer inklusiven Gesellschaft weitergebracht werden kann.

Kennt jemand von Euch den Index für Inklusion*? Welche Erfahrungen habt Ihr damit gemacht? Leider kann ich Euch nicht, wie ursprünglich geplant, Beispielseiten aus dem Buch zeigen – das Lehrerteam des Löwenjungen hat es sich nämlich letzte Woche ausgeliehen, um sich inspirieren zu lassen!

Viele Grüße

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

*Affiliate Link: Wenn Ihr über diesen Link kauft, bekommen wir eine kleine Umsatzbeteiligung. Euch entsteht dadurch kein Nachteil. Und natürlich könnt Ihr die Bücher auch beim Buchhändler Eures Vertrauens erwerben

 

Mein Buchtipp im August: „Außergewöhnlich: Geschwisterliebe“ von Conny Wenk

Einmal pro Monat möchte ich Euch gerne ein Buch vorstellen, das mir auf irgendeine Weise besonders am Herzen liegt – sei es, weil es mich besonders berührt, mir geholfen, neue Informationen gegeben hat – oder einfach nur, weil es mich „mitten ins Herz“ getroffen hat (auf Französisch gibt es dafür den schönen Ausdruck „coup de coeur“ – ein Treffer ins Herz).

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Beginnen möchte ich, wie in den Freitagslieblingen versprochen, mit dem wundervollen Fotoband „Außergewöhnlich: Geschwisterliebe“* von Conny Wenk.

Für die meisten Eltern eines Kindes mit Downsyndrom ist Conny Wenk wohl inzwischen ein fester Begriff, denn für viele von uns waren ihre wunderschönen und natürlichen Bilder von Menschen mit Downsyndrom ein erster Lichtblick nach dem Schock der Diagnose.

Auch wir bekamen von meiner Hebamme Conny Wenks ersten Fotoband „Außergewöhnlich“ geschenkt. Ich weiß noch sehr genau, wie ich einige Tage um das geschlossene Buch herumschlich, weil ich Angst hatte vor dem, was mich darin erwarten würde – zu präsent waren noch die alten Klischeebilder in meinem Kopf und die Ängste vor unserem zukünftigen Leben. Sobald ich aber das Buch geöffnet hatte, wurde ich eines Besseren belehrt: Neben den tollen Fotos (bei ungefähr jedem zweiten Foto rief ich den Löwenpapa, um ihm das nächste süße Kleinkind, den nächsten aufgeweckten Teenager zu zeigen) gab es sehr aufbauende Erfahrungsberichte anderer Mütter und einige tolle, mit viel Liebe ausgesuchte Texte. Natürlich bekam der Löwenpapa zum Vatertag dann die Väterausgabe dieser Reihe.

Nach einem Freundschaftsband vervollständigt der Band „Geschwisterliebe“ nun die Reihe. Es sind wieder einmal sehr schöne Fotos geworden, der Band prorträtiert Geschwister vom Kleinkindalter bis hin ins Erwachsenenalter. Conny Wenk schafft es immer wieder, die Schönheit jedes einzelnen in den Vordergrund zu stellen und kleinste Gesten und Mimiken einzufangen. Wer schon einmal das Glück hatte, von ihr fotografiert zu werden (unser Shooting ist leider schon wieder 3 Jahre her!), der weiß, mit welcher Geschwindigkeit sie Fotos schießt und wie sie es mit ihrer unkomplizierten Art schafft, sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen aus der Reserve zu locken und für eine entspannte Atmosphäre zu sorgen. Für mich macht dieses Ungestellte, Natürliche den Charme ihrer Bilder aus.

Conny Wenk wäre aber nicht Conny Wenk, wenn sie nur ihre Bilder sprechen ließe, sondern die Geschwister dürfen selbst zu Wort kommen – und natürlich konnte ich Heulsuse mir die ein oder andere Träne beim Lesen nicht verkneifen.

Einige Texte sind sehr emotional, teils richtige Liebesbriefe, teils werden aber auch die negativen Emotionen offen ausgesprochen – auch das gefällt mir an diesem Buch: Es wird nichts schön geredet, und gleichzeitig merkt der Leser, dass es auch oft die ganz normalen Geschwisterkonflikte sind. Und auch sonst ist dieses Zitat der 8jährigen Ida eigentlich exemplarisch für viele der Texte: „(…) Und du kannst mich am besten trösten. Besonders finde ich an dir eigentlich nichts. Du bist wie eine ganz gewöhnliche kleine Schwester, nur tausendmal besser! Eine bessere Schwester könnte ich mir nicht vorstellen, auch wenn du manchmal nur noch „Nein“ sagst. Ich würde dich niemals umtauschen.“

 

Ich wurde schon mehrmals darauf angesprochen, wie es für das Löwenmädchen ist, einen behinderten Bruder zu haben – natürlich kann ich nicht für sie antworten, sondern nur sagen, wie ich es als Mutter erlebe: Sie kennt es einfach nicht anders. Ihr Bruder ist so, wie er ist: manchmal nervig und bockig, oft lustig und schmusig, aber immer ihr Spiel- und Quatschpartner Nr. 1. Oft begleitet sie ihn zu seinen Therapien und verbringt dann die Zeit mit mir im Wartebereich – das ist für sie aber vor allem exklusive Mamazeit, die sie meistens sehr genießt, weil wir in der Zeit gemeinsam spielen, lesen oder schmusen – je nach Bedarf. Natürlich ist sie manchmal genervt von seinem Verhalten – aber da geht es dem Löwenjungen bei ihr nicht anders!

Jetzt, mit bald 4 Jahren, bemerkt sie langsam, dass ihr Bruder in manchen Sachen etwas anders ist und stellt mir entsprechende Fragen. Gleichzeitig erklärt sie dann aber ganz beiläufig anderen Kindern, dass zum Beispiel ihr Bruder eben einfach etwas anders spricht.

Während meiner zweiten Schwangerschaft wurde ich – mehr oder weniger durch die Blume – mehrmals gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, dass das zweite Kind durch den behinderten großen Bruder zu kurz kommen würde oder dass es durch die Behinderung keinen „richtigen“ Bruder haben würde. Ich denke, diese Ängste und Zweifel werden durch die Lektüre von „Geschwisterliebe“ wirklich zerstreut!

Viel Spaß beim Lesen und Anschauen!

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