„Und wann denkst Du mal an Dich?“ – Über Attachment Parenting und Selbstfürsorge

Im Internet diskutieren viele gerade einen Artikel auf Zeit Online, in dem eine Mutter ihre persönlichen Erfahrungen mit Attachment Parenting schildert und, überspitzt formuliert, beschreibt, dass sie durch diese „Erziehungsmethode“ fast im Burnout gelandet w.

Mich hat dieseräre Artikel aus zwei Gründen sehr betroffen und traurig gemacht, zum einen wegen der extrem negativen und – meiner Meinung nach – verzerrten Darstellung von Attachment Parenting (ich warte schon gespannt auf den Anruf meiner Mutter, die ohnehin meiner Art der Kindererziehung sehr skeptisch gegenübersteht und in dem Artikel wahrscheinlich alle ihre Ängste bestätigt sehen wird – die Frage im Titel ist dementsprechend auch ein Zitat von ihr). Zum anderen aber auch, weil es mir für die Mutter leid tut, dass sie augenscheinlich die bedürfnisorientierte Lebensweise als so dogmatisch und einengend verstanden hat, dass sie dadurch einem wahnsinnigen Druck ausgesetzt gewesen sein muß.

Ich persönlich habe das genaue Gegenteil erlebt. Für mich war der bedürfnisorientierte Ansatz quasi eine Befreiung:

  • von vielen Glaubenssätzen, die mich die ersten Jahre als Mutter unter Druck gesetzt hatten
  • von den extrem überhöhten Ansprüchen an mich selbst, rundum alles perfekt machen zu müssen
  • von dem Gefühl, jedes nicht normgerechte Verhalten meiner Kinder als persönliches Scheitern meiner Erziehung zu sehen (und nicht normgerechtes Verhalten gab es zu der Zeit bei uns zuhauf, bei einem Kind mit Behinderung und einem Schrei- und Speibaby)
  • von der über einige Jahre hinweg angehäuften Müdigkeit und Erschöpfung, weil ich nie wirklich abschalten und runterkommen konnte (und trotzdem das Gefühl hatte, nichts richtig gut zu machen)

Bei mir kam also, kurz gesagt, erst das Burnout und dann das Attachment Parenting.

Was ich unter Attachment Parenting verstehe und dass ich nicht alle „gängigen Bedingungen“ wie Tragen und Langzeitstillen erfülle – und mich trotzdem damit identifiziere, habe ich ja hier schon einmal beschrieben.

Heute möchte ich aber darauf eingehen, warum ich als Mutter bei meinem Lebensstil eben nicht (bzw. nicht mehr) zu kurz komme. Für mich stehen hier die Bedürfnisse ALLER Familienmitglieder im Vordergrund. Bedürfnisorientiert leben heißt nicht, dass die Kinder von 5 Uhr morgens bis 23 Uhr abends alles bestimmen und alleine entscheiden. Bedürfnisorientiert heißt, immer wieder Kompromisse zu finden und diese auch zu kommunizieren.

Banales Beispiel:

Wenn die Kinder eine Weile lang Kinderlieder im Auto gehört haben, müssen sie dann auch mal durch eine halbe Stunde Depeche Mode. Das entscheide ich dann aber nicht im Alleingang und haue den Kindern auf einmal „Black Celebration“ um die Ohren, sondern ich sage ihnen, dass ich jetzt wirklich eine Kinderlieder-Pause brauche und sie nach meiner Musik die nächste Entscheidung treffen können. Vielleicht ärgert sich dann ein Kind. Das kann ich verstehen – ich würde mich ja auch ärgern, wenn ich zum 123. Mal „Ich bin ein Musikante“ hören müsste. Ich zeige dem Kind auch, dass ich seinen Ärger und Frust verstehe – und spiele es nicht herunter mit einem „Stell dich nicht so an!“ oder ähnlichem.

Ich für mich habe den Eindruck, dass ich, seit ich vermehrt auf die Bedürfnisse der Kinder achte, auch meine eigenen Bedürfnisse einschätzen und berücksichtigen kann. Eben weil ich meine Prioritäten anders setze. Wenn ich merke, dass bei allen die Luft raus ist und die Kinder lieber mit mir ein Buch lesen als danach irgendein tolles, selbst gekochtes Biogemüse unauffällig an den Hund zu verfüttern – dann lesen wir halt ein Buch. Aber wenn ich in dem Moment keine Lust habe, schon wieder „Conni feiert Weihnachten“ zu lesen – dann suchen wir gemeinsam ein anderes Buch aus. Und essen später Nudeln. Mit ohne Soße für das Löwenmädchen. Mit Soße, aber ohne Gemüse für den Löwenjungen. Mit viel Gemüse für mich, weil mir das am besten schmeckt. Und das Gemüse kommt an dem Tag aus dem Tiefkühler…

Das Löwenmädchen tut sich momentan sehr schwer mit dem Einschlafen. Mir ist es aber wichtig, abends auch etwas für mich zu lesen – sonst fehlt mir einfach etwas. Im Urlaub ist sie deshalb mehrmals gemütlich eingeschlafen, während ich ihr leise aus meinem aktuellen Buch „Die hellen Tage“ vorgelesen habe – und das waren für uns beide wunderschöne Momente.

Natürlich gibt es auch Momente, an denen ich an meine Grenzen komme. Der Löwenjunge verarbeitet zum Beispiel nachts das Erlebte, indem er sehr unruhig wird, um sich schlägt oder weint. Ich bin dann irgendwann erschöpft und der nächste Tag ist gefühlt 30 Stunden länger, die Schüler lauter und meine Bewegungen irgendwie langsamer. Aber erstens weiß ich inzwischen, dass solche Tage vorbeigehen und ich meine Arbeit trotzdem gemacht kriege – das gibt mir Sicherheit. Und zweitens mache ich dann Abstriche: Den Widerspruch für die Krankenkasse schreibe ich eben an einem anderen Tag. Das Geschirr bleibt abends stehen und ich erledige nur das Allernötigste. Anstatt einer gesunden Zwischenmahlzeit gibt es Schokolade für mich – und vielleicht noch einen Kaffee mehr. Es gibt auch ein oder zwei Personen, die ich, wenn ich wirklich mit meinen Kräften am Ende bin, kurzfristig anrufen kann, damit sie mir zwei Stunden die Kinder abnehmen – das Wissen alleine gibt mir auch schon Kraft.

Insgesamt bin ich gelassener geworden, seit ich unseren Weg besser kenne. Ich renne nicht mehr meiner Zeit hinterher und kann mir im Alltag immer wieder ruhige Momente verschaffen (auch wenn das zum Beispiel am Wochenende oder jetzt in den Ferien bedeutet, dass die Kinder jeden Tag eine Stunde fernsehen dürfen. Oder auch mal länger). Früher habe ich mir nie bewusst soviel Zeit für mich genommen und diese auch genossen – sondern war, auch bevor ich Mutter wurde, ständig mit irgendwelchen mehr oder weniger wichtigen Sachen und „Projekten“ beschäftigt.

Wenn die Einschlafbegleitung abends länger dauert, schaffe ich es meist, die Zeit zu genießen als das, was sie ist: Momente, in denen ich nur für meine Kinder da bin und in denen sie mit mir als Bezugsperson das teilen wollen, was sie tagsüber erlebt haben – oder einfach meine Nähe suchen.

Für mich ist also unser Weg keine „Aufopferung“, im Gegenteil. Er fühlt sich gut an und wenn ich das Vertrauen sehe, das meine Kinder mir entgegen bringen (und ich ihnen), dann weiß ich, dass dieser Weg für uns als Familie der einzig richtige ist.

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade von Geborgen wachsen.

Loblied auf unseren Kinderarzt

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Bedürfnisorientiert und zugewandt beim Kinderarzt?

Ja, das geht – und ist für mich auch die Grundvoraussetzung für ein vertrauensvolles Verhältnis.

Nachdem unsere ersten Erfahrungen beim Kinderarzt wirklich unterirdisch waren, haben wir dank meiner tollen Hebamme schnell einen Arzt gefunden, der sich nicht nur fachlich sehr gut auskennt (er hat jahrelang mit schwerbehinderten Kindern gearbeitet und ist nebenbei auch noch Neuropädiater – eine Zusatzqualifikation, die uns beim Löwenjungen schon sehr geholfen hat), sondern der wirklich das Kind als solches in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stellt – und nicht die medizinischen Symptome, die er gerade vor sich hat (dieses Phänoment musste ich leider bisher bei einigen fachlich sehr kompetenten Ärzten feststellen).

Was macht nun unseren Kinderarzt und sein Team so besonders? Viele kleine Dinge sind es, zum Beispiel:

  • er nimmt sich immer die nötige Zeit, ALLE anwesenden Personen zu begrüßen und mit dem Kind in Kontakt zu treten
  • er kommuniziert offen und werschätzend mit seinen Patienten und den Angehörigen
  • er sieht, was eine Familie leistet, insbesondere, wenn ein „besonderes“ Kind in dieser Familie lebt, und erkennt diese Leistung auch an (und ja, es tut zwischendrin einfach gut, wenn jemand ohne großes Trara sagt: „Ich weiß, was Sie leisten – und ich sehe, dass Sie es gut machen!“)
  • er sieht sowohl die medizinischen und therapeutischen Bedürfnisse seines Patienten als auch die Bedürfnisse der Familie – und berät auch dahingehend.
  • er informiert sich, nimmt Kontakt mit anderen Ärzten/Therapeuten auf, organisiert Termine
  • er nimmt sich Zeit für Notfälle – medizinische (unsere kürzeste Wartezeit waren 30 Sekunden) und andere (unser längstes Gespräch dauerte über eine Stunde)
  • er unterstützt mich bei sämtlichen Therapievorhaben, solange er sie für sinnvoll hält oder aber ich ihm glaubhaft erklären kann, warum ICH diese für sinnvoll halte. 🙂
  • er nennt die Dinge beim Namen
  • er richtet den Ablauf auf die Bedürfnisse der Kinder aus, konkret heißt das: Es ist immer Zeit für eine Kuscheleinheit bei Mama oder Papa, alle anstehenden Untersuchungen werden dem Kind gezeigt, bei Kleinkindern kommt oft eine Mitarbeiterin hinzu, die Seifenblasen macht, während das Kind geimpft wird. Größere Kinder dürfen wählen zwischen Seifenblasen oder Zuschauen und laut mitzählen. Wenn einem Baby oder Kleinkind Blut abgenommen werden muss, dann liegen bei Bedarf große, flauschige Handtücher bereit, in die das Kind gewickelt werden kann, damit es das Festhalten nicht als solches empfindet und sich so geborgen wie möglich fühlen kann.
  • er beschränkt sich auf das Nötigste: Es kam schon oft vor, dass wir ohne Rezept wieder nach Hause fuhren und dafür am nächsten Tag noch einmal kommen sollten. Da auch ich nur ungern stärkere Medikamente gebe, bin ich mit dieser Vorgehensweise mehr als zufrieden.

Natürlich steht hinter unserem Kinderarzt auch ein Team von Arzthelferinnen, die auf die gleiche Weise arbeiten. Mit unglaublicher Geduld und Freundlichkeit beantworten sie meine Fragen, quetschen Termine in den ohnehin schon vollen Kalender, ändern zum xten Mal ein Rezept ab oder bespaßen zum Beispiel das Löwenmädchen, damit ich den Löwenjungen ungestört bei der Blutabnahme begleiten kann.

Als ich unseren Kinderarzt einmal darauf ansprach, dass er ja doch recht viel Zeit darauf verwende, eine gute Beziehung zu seinen Patienten aufzubauen, erklärte er mir, dass ihn diesbezüglich seine Arbeit mit schwer(st)behinderten Kindern sehr geprägt habe – denn dort sei es unmöglich, einmal zerstörtes Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Ich persönlich warte gerne etwas länger, wenn ich dafür weiß (und im Wartezimmer sehe), dass die Kinder sich hier wohlfühlen und keine Angst, sondern Vertrauen haben. Leider kenne ich auch genug Kinder (die meisten von ihnen gehen zu unserem früheren Kinderarzt), die schon im Alter von 2 Jahren Angst vor Spritzen, Arztbesuchen etc. haben.

Unsere erste Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der Löwenjunge war 7 Wochen alt, die Diagnose Downsyndrom noch ganz frisch. Wir hatten einen Termin zum Kennenlernen und zum Impfen vereinbart. Als unser Kinderarzt zur Tür hereinkam und erst uns begrüßte und sich dann dem Löwenjungen zuwandte, gab es einen fast magischen Moment zwischen den beiden: Der Kinderarzt nahm ihn auf den Arm, sie schauten sich in die Augen und der Löwenjunge, der bei unserem vorigen Kinderarzt bei jeder Begegnung geschrien hatte, war ganz ruhig und entspannt. Unser Kinderarzt legte mir mein Baby auf den Arm mit den Worten: „Sie haben ein ganz besonderes Kind, das Sie sehr glücklich machen wird!“

Natürlich hat er mit dieser Prognose recht behalten 🙂

Der Löwenjunge ist übrigens auch heute noch die Ruhe selbst bei Ärzten und in Krankenhäusern. Er lässt sich ohne mit der Wimper zu zucken einen Zugang legen oder Blut abnehmen. Das Einzige, was ihn richtig ärgert, ist die Tatsache, dass er trotz seiner zahlreichen Arzt- und Krankenhausbesuche immer noch keinen Gipsarm hatte wie seine Schwester!

Und auch ich habe von unserem Kinderarzt bei dieser ersten Begegnung eine Aufgabe bekommen: nämlich die Aufgabe, mich zu informieren über die Trisomie 21 und zur Spezialistin für meinen Sohn und seine Besonderheiten zu werden, um mit allen Ärzten auf Augenhöhe diskutieren zu können. Auch diesen Ratschlag habe ich beherzigt und denke immer wieder daran.

Wie ist Euer Verhältnis zu Eurem Kinderarzt?

Bildquelle: Pixabay

Blogreihe: Bedürfnisorientiert und Behinderung – (wie) geht das? Teil I

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Ein Kind mit (geistiger) Behinderung bedürfnis- und bindungsorientiert erziehen – geht das überhaupt?

Eigentlich wollte ich nur einen Artikel darüber schreiben – und diese Fragestellung ansonsten hier in den „Blogalltag“ einfließen lassen, habe aber jetzt festgestellt, dass das Thema doch ganz schön umfangreich ist – deshalb habe ich mich entschlossen, eine Blogreihe dazu zu starten. Ich werde also in loser Folge immer mal wieder darüber schreiben – und freue mich auch sehr über Gastebeiträge dazu.

Zunächst einmal: Was ist überhaupt eine bedürfnis- und bindungsorientierte Erziehung?

Der englische Begriff heißt „Attachment Parenting“ und die meisten denken dabei als erstes an Tragen (konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht und wäre auch bei einem Säugling und einem nichtlaufenden behinderten Kleinkind nur schwer machbar gewesen), Stillen (habe ich, allerdings aus verschiedenen Gründen beide Kinder nur jeweils 9 Monate) und Familienbett (gibt es bei uns zur Zeit gleich zwei). Aber, wie Inke Hummel in ihrer Erklärung auf dem Blog Bindungs(t)räume schreibt, AP ist gleichzeitig viel mehr – und trotzdem nicht so kompliziert wie es klingt:

Im Alltag ist es aber eben kein Abhaken eines Punktekatalogs.

AP kann auch sein zu erkennen, dass ein Baby besser schläft, wenn es alleine in seinem Bett liegt, dass die Eltern besser schlafen, wenn sie sich aufteilen und eine Zeit lang nachts trennen und nur einer beim Baby schläft (…)

AP kann auch sein zu erkennen, dass ein Kind lieber viel am Boden liegt und sich bewegt, statt viel getragen zu werden. Oder dass ein Baby gerne im Kinderwagen liegt anstatt in der Enge des Tragetuchs zu sein.

(…)

AP ist eben vor allem Beziehung, Einfühlen, Spüren was gebraucht wird. Empathie, sich einlassen auf was auch immer gebraucht wird. Reagieren, ausprobieren, auch mal scheitern und neu angehen.

Und dabei versuchen das Familiengefüge in Balance zu halten, denn alle brauchen unterschiedliche Dinge: das jüngste Familienmitglied, die anderen Kinder, die Eltern als Einzelpersonen und als Paar.

Das klingt für manche Ohren nach einem unerklimmbaren Berg und nach unerreichbarer Perfektion, aber das ist es gar nicht.

Es braucht nur Zeit, Herz, Vertrauen und Kommunikation. Es braucht eigentlich ziemlich wenig Bücher, keine Einteilung in Phasen und Schübe, keine Vergleiche mit anderen. Es braucht ein Hinsehen, und es braucht Milde, besonders auch mit sich selbst.

Trotzdem ist AP auch nicht gleichzusetzen mit einer „Laissez-Faire“-Erziehung – es gibt auch bei uns Regeln und Grenzen (ein gutes Beispiel dafür habe ich heute zufällig  hier gefunden).

Für mich bedeutet Attachment Parenting momentan vor allem, dass ich

  • mich so gut wie möglich in die Bedürfnisse meiner Kinder hineinversetze. Auch wenn das Löwenmädchen für sein Alter sehr groß gewachsen ist und sehr gut spricht, so braucht sie es zum Beispiel nach einem langen Tag doch, wenn sie auch mal Baby spielen und sich verwöhnen lassen kann.
  • meinen Kindern zutraue,  viele Entscheidungen selbst treffen zu können, z.B. beim Essen oder Schlafen (wenn eines der Löwenkinder vorm Kindergarten nicht frühstücken möchte, ist das völlig in Ordnung. Ich weiß, dass sie im Kindergarten genug Zeit und Gelegenheit haben, das nachzuholen).
  • versuche, alte Glaubenssätze und Erziehungsmechanismen zu vermeiden oder wenigstens zu hinterfragen („Das macht man nicht!“ streiche ich nach Möglichkeit aus meinem aktiven Wortschatz – wenn mir der Satz auf den Lippen liegt, überlege ich vielmehr, wer „man“ ist und ob dieser Glaubenssatz wirklich meinen eigenen Prinzipien entspricht)
  • mich frei nach Susanne Mierau frage: „Ist das gerade wirklich wichtig?“ – ist es gerade wirklich wichtig, das Puzzle aufzuräumen, wenn alle Riesenhunger haben oder ein Löwenkind gerade eine Kuscheleinheit braucht?
  • zu erkennen versuche, welche Bedürfnisse hinter dem Verhalten der Kinder liegen. Wenn das Löwenmädchen mir beim Üben mit dem Löwenjungen dazwischenfunkt, möchte sie vielleicht auch einfach die gleiche ungeteilte Aufmerksamkeit. Je nach Situation kann ich dann entweder mit beiden Kindern gemeinsam üben, den Löwenpapa mit einspannen oder das Löwenmädchen bitten, etwas für mich zu erledigen und sie so miteinbeziehen.
  • auch die Bedürfnisse der Erwachsenen im Blick habe. Einige werden empört aufschreien, aber bei uns wird momentan sonntags mittags meist vorm Fernseher gegessen. Die Löwenkinder dürfen sich einen Film aussuchen und knabbern belegte Brote und Rohkost, während der Löwenpapa einen Mittagsschlaf macht und ich neben den Kindern auf dem Sofa in Ruhe einen Milchkaffee trinke und Zeitung lese.
  • den Kindern meinen Bedürfnisse und Grenzen so gut es geht erkäre und vermittle – so, dass sie es verstehen können.

 

Vielleicht ist Euch auch aufgefallen, dass viele meiner Beispiele sich entweder auf beide Löwenkinder oder nur das Löwenmädchen beziehen – beim Löwenjungen ist das Erkennen seiner Bedürfnisse für mich nicht immer ganz so klar. Im nächsten Beitrag werde ich Euch genauer erklären, warum das so ist und Euch berichten, wie unser bedürfnisorientierter Weg bei ihm aussieht!

Alltag im Kindergarten

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Bei Leen von Aufbruch zum Umdenken habe ich vor ein paar Tagen diese sehr gute Beschreibung eines idealen Tages im Kindergarten entdeckt – und mich sehr gefreut, dass ich unseren Kindergarten an den meisten Stellen in der Beschreibung entdecken konnte.

Da unsere Bedürfnisse ja durch die Behinderung des Löwenjungen noch einmal etwas spezieller sind, möchte ich Euch heute einmal einen ganz normalen Tag im Kindergarten beschreiben – so, wie ich es als Außenstehende mitbekomme.

Das Ankommen

Die Erzieherin begrüßt beide Kinder auf Augenhöhe, spricht beide kurz an, wie es ihnen geht und was sie tun möchten (der Löwenjunge hat meistens schon eine ganze genaue Idee und sucht sich ein Spiel oder eine kreative Aktivität aus, während es für das Löwenmädchen ganz wichtig ist, mir noch einmal vom Flurfenster aus zu winken, unsere spezielle Indianerverabschiedung zu rufen und somit einen Mama-Moment ganz für sich zu haben). Durch das Fenster sehe ich, wie das Löwenmädchen anschließend fröhlich in das Gruppenzimmer läuft und hüpft.

Der Vormittag

Um 9, wenn alle Kinder da sind, findet der Morgenkreis statt. Bis dahin spielen die Kinder frei in ihrem Gruppenraum oder frühstücken im Bistro (siehe unten). Am Ende des Morgenkreises wählt jedes Kind aus dem aktuellen Angebot (z.B. Kreativwerkstatt, Rollenspielbereich, Turnraum, Hof, Entdeckerraum, Holzwerkstatt etc.) aus, womit es sich beschäftigen möchte. Damit die Erzieher den Überblick behalten, welches Kind gerade wo ist, verfügt jedes Kind über eine Fotokarte, die es am Eingang zum jeweiligen Bereich befestigt. Möchte ein Kind die Aktivität wechseln, sagt es dem Erzieher Bescheid, nimmt seine Karte und geht in einen anderen Spielbereich.

Dieses Konzept besteht so seit Januar in unserem Kindergarten. Ich war anfangs sehr besorgt, ob und wie der Löwenjunge, der eigentlich feste Abläufe und gerade auch für Aktivitätswechsel viel Zuspruch und Begleitung braucht, mit diesem teiloffenen Konzept klarkommen würde. Dadurch, dass ihm hier aber viel mehr zugetraut wird, hat er in den letzten Monaten sehr an Selbstvertrauen gewonnen und bewegt sich nun viel freier und selbständiger im ganzen Kindergarten. Das Prinzip hat er sehr schnell verstanden und lief schon am 2. Tag stolz mit seiner Karte durch den Kindergarten.

Ab 8 Uhr können die Kinder selbständig im „Bistro“ frühstücken. Mindestens ein Erzieher hält sich dort auf und frühstückt mit den Kindern, unterstützt da, wo es nötig ist und ist für sie da. Das Frühstück wird leider nicht vom Kindergarten gestellt, sondern jedes Kind hat seine eigene Brotdose dabei. Manchmal komme ich während der Frühstückszeit, um eines der Kinder abzuholen (zum Beispiel mit gebrochenem Unterarm….). Das Löwenmädchen sitzt meist fröhlich mit ihren Freundinnen da und quatscht (oft so viel, dass sie keine Zeit zum Frühstücken hat), während der Löwenjunge sich ganz auf sein Essen konzentriert und oft so lange frühstückt, dass die anderen Kinder schon wieder spielen gegangen sind. Zweimal habe ich ihn nun auch alleine dort sitzen sehen und die Erzieher gebeten, da ein Auge drauf zu haben.

Im Eingangsbereich sehen Kinder und Eltern anhand von großen Bildkarten, welche Erzieher an diesem Tag in welchem Bereich sein werden.

Mittagessen und Abschluss

Am Ende des Vormittags findet in der Stammgruppe noch einmal ein Abschlusskreis statt, anschließend werden die Regelkinder abgeholt, die anderen gehen zum Essen. Die Löwenkinder bleiben jeden Tag bis 14 Uhr im Kindergarten. Zwischen dem Mittagessen und der Abholzeit spielen die Kinder frei, lesen oder malen. Anschließend wird oft eine Geschichte erzählt und jedes Kind einzeln verabschiedet.

Die Zusammenarbeit mit den Eltern

Der Kindergarten organisiert regelmäßig Ausflüge, Spaziergänge, Waldwochen, Besuche im Altenheim und auf dem Wochenmarkt etc. Auch werden immer wieder Aktivitäten mit den Eltern angeboten – zum Beispiel der Gottesdienst letzte Woche.

Es finden regelmäßige Gespräche statt, geplante genauso wie spontane Gespräche beim Abholen, die Kommunikation zwischen den Erziehern untereinander sowie mit den Eltern klappt – zumindest bei uns – sehr gut. Beim Löwenmädchen habe ich nicht so viel Gesprächsbedarf, da es mir von alleine schon sehr viel erzählt und ich eigentlich immer weiß, was für sie gerade wichtig ist.

Beim Löwenjungen sieht das anders aus: Zum einen spricht er kaum, zum anderen ist es für ihn noch sehr schwer, Vergangenes wiederzugeben. Auf offene Fragen kann er nur sehr schwer antworten. Deshalb habe ich, in Absprache mit dem Kindergarten, für ihn ein „Ich-Buch“ gestaltet, mit vielen Fotos, mit denen er sowohl im Kindergarten als auch zuhause erzählen kann, was er z.B. am Vortag erlebt hat. In dem Buch befindet sich auch ein Notizheft, in dem seine Bezugserzieherin, die Heilpädagogin und ich uns austauschen.

Echte Inklusion im Kindergarten

Viele Kinder mit Downsyndrom haben bereits im Kindergarten einen Integrationshelfer, der sie dabei unterstützt, den Alltag zu bewältigen. Auch der Löwenjunge hat darauf Anspruch – unser integrativer Kindergarten hat aber das Konzept, dass diese „Integrationsarbeit“ von den Erziehern und Heilpädagogen mitgetragen und jedes Kind so unterstützt wird, wie es das nötig hat – egal ob mit oder ohne Behinderung. Das hat den schönen Effekt, dass die meisten Kinder und Eltern gar nicht wissen, welche Kinder denn nun die sogenannten „Integrativkinder“ sind – und das auch dort im Alltag keine Rolle spielt. Und ich weiß, dass der Löwenjunge auch ohne Integrationshelfer genauso am Geschehen teilnehmen kann wie alle anderen Kinder.

Der Kindergarten unterstützt mich auch bei den verschiedenen Formalitäten, die für das Löwenkind zu erledigen sind (zum Beispiel übernehmen sie komplett die Antragstellung für die Integrationsstunden, so dass ich nur einmal jährlich zu einem Hilfeplangespräch mit einer Mitarbeiterin des Landratsamts muss), unterstützen uns auf unserem Weg zur Inklusion und wissen durch unsere regelmäßigen Gespräche auch, welche Förderschwerpunkte der Löwenjunge gerade hat und was in den unterschiedlichen Therapien gemacht wird.

Was fehlt?

Was mir an unserem Kindergarten wirklich fehlt, ist eine regelmäßige Information darüber, wie die Kinder den Tag verbracht haben. Denn 1. bin ich natürlich neugierig und 2. hätte ich dann, gerade beim Löwenjungen, einen konkreten Gesprächsanlass, an den ich anknüpfen könnte, und könnte auch ggfs. unsere Aktivitäten danach gestalten. Zur Abholueit möchten die Kinder dann meine volle Aufmerksamkeit, so dass ich auch keine Gelegenheit habe, die Erzieher zu fragen.

Was mag ich besonders?

Den Enthousiasmus und die Empathie der allermeitsten Erzieher.

Dass sie jedes Kind so annehmen, wie es ist (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) und diese Werte auch den anderen Kindern vermitteln.

Dass meine Kinder jeden Morgen fröhlich dorthin gehen – und genauso fröhlich wieder zurückkommen.

 

Willkommen…

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… bei uns Kleinstadtlöwen!

Hier schreibe ich, die Löwenmama, über unser Familienleben und unseren Alltag. Zu den Kleinstadtlöwen gehören neben dem Löwenpapa der Löwenjunge, der jetzt schon 5,5 Jahre alt ist,  und das Löwenmädchen, das bald 4 wird und sehnsüchtig auf seinen Geburtstag wartet.

Ich habe lange überlegt, ob ich noch die Zeit habe, einen Blog zu schreiben – schließlich könnte für mich jeder Tag locker 36 Stunden haben, ohne dass Langeweile aufkäme.

Aber aus zwei Gründen habe ich mich dann doch dafür entschieden:

Der Löwenjunge hat das Down-Syndrom, also ein Chromosom mehr als alle anderen. Als wir damals von diesem „Extra“ erfahren haben, ist für mich eine Welt zusammengebrochen – vielleicht werde ich an anderer Stelle noch einmal ausführlicher darüber schreiben. Geholfen haben mir in dieser Zeit die vielen Blogs von Eltern, die auch ein Kind mit Down-Syndrom haben. Dort konnte ich nachlesen, wie normal doch ihr Alltag ist.

In den letzten 2 Jahren habe ich für uns als Familie den Weg des bedürfnisorientierten Aufwachsens entdeckt. Auch hier dienten mir wieder die vielen Blogs als Wegweiser – nur einen Aspekt vermisse ich dabei bis heute: das bedürfnisorientierte Aufwachsen von Kindern mit Behinderung. Diese Lücke würde ich gerne hier im Blog schließen – und zeigen, wie unser bedürfnisorientierter Weg und Alltag aussehen!

Ihr dürft Euch also hier auf eine bunte Mischung freuen, die Euch Einblicke gibt in unser Leben!