Eure Wahl? Und wie!

Wer mich kennt, der weiß, dass ich politisch sehr interessiert bin und auch eine relativ klare Meinung habe.

Wer meine Lebenssituation kennt, der weiß auch, dass ich gesellschaftlich und politisch quasi zu einer doppelten Randgruppe gehöre, als Alleinerziehende eines Kindes mit Behinderung.

Und wer schon einmal mit mir diskutiert hat, der erinnert sich, dass Nichtwählen für mich keine Option ist und für mich Wählen ein Recht ist, dem ich sehr gerne nachkomme. Weiterlesen

Mein Buchtipp im August: „Außergewöhnlich: Geschwisterliebe“ von Conny Wenk

Einmal pro Monat möchte ich Euch gerne ein Buch vorstellen, das mir auf irgendeine Weise besonders am Herzen liegt – sei es, weil es mich besonders berührt, mir geholfen, neue Informationen gegeben hat – oder einfach nur, weil es mich „mitten ins Herz“ getroffen hat (auf Französisch gibt es dafür den schönen Ausdruck „coup de coeur“ – ein Treffer ins Herz).

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Beginnen möchte ich, wie in den Freitagslieblingen versprochen, mit dem wundervollen Fotoband „Außergewöhnlich: Geschwisterliebe“ von Conny Wenk.

Für die meisten Eltern eines Kindes mit Downsyndrom ist Conny Wenk wohl inzwischen ein fester Begriff, denn für viele von uns waren ihre wunderschönen und natürlichen Bilder von Menschen mit Downsyndrom ein erster Lichtblick nach dem Schock der Diagnose.

Auch wir bekamen von meiner Hebamme Conny Wenks ersten Fotoband „Außergewöhnlich“ geschenkt. Ich weiß noch sehr genau, wie ich einige Tage um das geschlossene Buch herumschlich, weil ich Angst hatte vor dem, was mich darin erwarten würde – zu präsent waren noch die alten Klischeebilder in meinem Kopf und die Ängste vor unserem zukünftigen Leben. Sobald ich aber das Buch geöffnet hatte, wurde ich eines Besseren belehrt: Neben den tollen Fotos (bei ungefähr jedem zweiten Foto rief ich den Löwenpapa, um ihm das nächste süße Kleinkind, den nächsten aufgeweckten Teenager zu zeigen) gab es sehr aufbauende Erfahrungsberichte anderer Mütter und einige tolle, mit viel Liebe ausgesuchte Texte. Natürlich bekam der Löwenpapa zum Vatertag dann die Väterausgabe dieser Reihe.

Nach einem Freundschaftsband vervollständigt der Band „Geschwisterliebe“ nun die Reihe. Es sind wieder einmal sehr schöne Fotos geworden, der Band prorträtiert Geschwister vom Kleinkindalter bis hin ins Erwachsenenalter. Conny Wenk schafft es immer wieder, die Schönheit jedes einzelnen in den Vordergrund zu stellen und kleinste Gesten und Mimiken einzufangen. Wer schon einmal das Glück hatte, von ihr fotografiert zu werden (unser Shooting ist leider schon wieder 3 Jahre her!), der weiß, mit welcher Geschwindigkeit sie Fotos schießt und wie sie es mit ihrer unkomplizierten Art schafft, sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen aus der Reserve zu locken und für eine entspannte Atmosphäre zu sorgen. Für mich macht dieses Ungestellte, Natürliche den Charme ihrer Bilder aus.

Conny Wenk wäre aber nicht Conny Wenk, wenn sie nur ihre Bilder sprechen ließe, sondern die Geschwister dürfen selbst zu Wort kommen – und natürlich konnte ich Heulsuse mir die ein oder andere Träne beim Lesen nicht verkneifen.

Einige Texte sind sehr emotional, teils richtige Liebesbriefe, teils werden aber auch die negativen Emotionen offen ausgesprochen – auch das gefällt mir an diesem Buch: Es wird nichts schön geredet, und gleichzeitig merkt der Leser, dass es auch oft die ganz normalen Geschwisterkonflikte sind. Und auch sonst ist dieses Zitat der 8jährigen Ida eigentlich exemplarisch für viele der Texte: „(…) Und du kannst mich am besten trösten. Besonders finde ich an dir eigentlich nichts. Du bist wie eine ganz gewöhnliche kleine Schwester, nur tausendmal besser! Eine bessere Schwester könnte ich mir nicht vorstellen, auch wenn du manchmal nur noch „Nein“ sagst. Ich würde dich niemals umtauschen.“

 

Ich wurde schon mehrmals darauf angesprochen, wie es für das Löwenmädchen ist, einen behinderten Bruder zu haben – natürlich kann ich nicht für sie antworten, sondern nur sagen, wie ich es als Mutter erlebe: Sie kennt es einfach nicht anders. Ihr Bruder ist so, wie er ist: manchmal nervig und bockig, oft lustig und schmusig, aber immer ihr Spiel- und Quatschpartner Nr. 1. Oft begleitet sie ihn zu seinen Therapien und verbringt dann die Zeit mit mir im Wartebereich – das ist für sie aber vor allem exklusive Mamazeit, die sie meistens sehr genießt, weil wir in der Zeit gemeinsam spielen, lesen oder schmusen – je nach Bedarf. Natürlich ist sie manchmal genervt von seinem Verhalten – aber da geht es dem Löwenjungen bei ihr nicht anders!

Jetzt, mit bald 4 Jahren, bemerkt sie langsam, dass ihr Bruder in manchen Sachen etwas anders ist und stellt mir entsprechende Fragen. Gleichzeitig erklärt sie dann aber ganz beiläufig anderen Kindern, dass zum Beispiel ihr Bruder eben einfach etwas anders spricht.

Während meiner zweiten Schwangerschaft wurde ich – mehr oder weniger durch die Blume – mehrmals gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, dass das zweite Kind durch den behinderten großen Bruder zu kurz kommen würde oder dass es durch die Behinderung keinen „richtigen“ Bruder haben würde. Ich denke, diese Ängste und Zweifel werden durch die Lektüre von „Geschwisterliebe“ wirklich zerstreut!

Viel Spaß beim Lesen und Anschauen!

 

 

Loblied auf unseren Kinderarzt

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Bedürfnisorientiert und zugewandt beim Kinderarzt?

Ja, das geht – und ist für mich auch die Grundvoraussetzung für ein vertrauensvolles Verhältnis.

Nachdem unsere ersten Erfahrungen beim Kinderarzt wirklich unterirdisch waren, haben wir dank meiner tollen Hebamme schnell einen Arzt gefunden, der sich nicht nur fachlich sehr gut auskennt (er hat jahrelang mit schwerbehinderten Kindern gearbeitet und ist nebenbei auch noch Neuropädiater – eine Zusatzqualifikation, die uns beim Löwenjungen schon sehr geholfen hat), sondern der wirklich das Kind als solches in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stellt – und nicht die medizinischen Symptome, die er gerade vor sich hat (dieses Phänoment musste ich leider bisher bei einigen fachlich sehr kompetenten Ärzten feststellen).

Was macht nun unseren Kinderarzt und sein Team so besonders? Viele kleine Dinge sind es, zum Beispiel:

  • er nimmt sich immer die nötige Zeit, ALLE anwesenden Personen zu begrüßen und mit dem Kind in Kontakt zu treten
  • er kommuniziert offen und werschätzend mit seinen Patienten und den Angehörigen
  • er sieht, was eine Familie leistet, insbesondere, wenn ein „besonderes“ Kind in dieser Familie lebt, und erkennt diese Leistung auch an (und ja, es tut zwischendrin einfach gut, wenn jemand ohne großes Trara sagt: „Ich weiß, was Sie leisten – und ich sehe, dass Sie es gut machen!“)
  • er sieht sowohl die medizinischen und therapeutischen Bedürfnisse seines Patienten als auch die Bedürfnisse der Familie – und berät auch dahingehend.
  • er informiert sich, nimmt Kontakt mit anderen Ärzten/Therapeuten auf, organisiert Termine
  • er nimmt sich Zeit für Notfälle – medizinische (unsere kürzeste Wartezeit waren 30 Sekunden) und andere (unser längstes Gespräch dauerte über eine Stunde)
  • er unterstützt mich bei sämtlichen Therapievorhaben, solange er sie für sinnvoll hält oder aber ich ihm glaubhaft erklären kann, warum ICH diese für sinnvoll halte. 🙂
  • er nennt die Dinge beim Namen
  • er richtet den Ablauf auf die Bedürfnisse der Kinder aus, konkret heißt das: Es ist immer Zeit für eine Kuscheleinheit bei Mama oder Papa, alle anstehenden Untersuchungen werden dem Kind gezeigt, bei Kleinkindern kommt oft eine Mitarbeiterin hinzu, die Seifenblasen macht, während das Kind geimpft wird. Größere Kinder dürfen wählen zwischen Seifenblasen oder Zuschauen und laut mitzählen. Wenn einem Baby oder Kleinkind Blut abgenommen werden muss, dann liegen bei Bedarf große, flauschige Handtücher bereit, in die das Kind gewickelt werden kann, damit es das Festhalten nicht als solches empfindet und sich so geborgen wie möglich fühlen kann.
  • er beschränkt sich auf das Nötigste: Es kam schon oft vor, dass wir ohne Rezept wieder nach Hause fuhren und dafür am nächsten Tag noch einmal kommen sollten. Da auch ich nur ungern stärkere Medikamente gebe, bin ich mit dieser Vorgehensweise mehr als zufrieden.

Natürlich steht hinter unserem Kinderarzt auch ein Team von Arzthelferinnen, die auf die gleiche Weise arbeiten. Mit unglaublicher Geduld und Freundlichkeit beantworten sie meine Fragen, quetschen Termine in den ohnehin schon vollen Kalender, ändern zum xten Mal ein Rezept ab oder bespaßen zum Beispiel das Löwenmädchen, damit ich den Löwenjungen ungestört bei der Blutabnahme begleiten kann.

Als ich unseren Kinderarzt einmal darauf ansprach, dass er ja doch recht viel Zeit darauf verwende, eine gute Beziehung zu seinen Patienten aufzubauen, erklärte er mir, dass ihn diesbezüglich seine Arbeit mit schwer(st)behinderten Kindern sehr geprägt habe – denn dort sei es unmöglich, einmal zerstörtes Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Ich persönlich warte gerne etwas länger, wenn ich dafür weiß (und im Wartezimmer sehe), dass die Kinder sich hier wohlfühlen und keine Angst, sondern Vertrauen haben. Leider kenne ich auch genug Kinder (die meisten von ihnen gehen zu unserem früheren Kinderarzt), die schon im Alter von 2 Jahren Angst vor Spritzen, Arztbesuchen etc. haben.

Unsere erste Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der Löwenjunge war 7 Wochen alt, die Diagnose Downsyndrom noch ganz frisch. Wir hatten einen Termin zum Kennenlernen und zum Impfen vereinbart. Als unser Kinderarzt zur Tür hereinkam und erst uns begrüßte und sich dann dem Löwenjungen zuwandte, gab es einen fast magischen Moment zwischen den beiden: Der Kinderarzt nahm ihn auf den Arm, sie schauten sich in die Augen und der Löwenjunge, der bei unserem vorigen Kinderarzt bei jeder Begegnung geschrien hatte, war ganz ruhig und entspannt. Unser Kinderarzt legte mir mein Baby auf den Arm mit den Worten: „Sie haben ein ganz besonderes Kind, das Sie sehr glücklich machen wird!“

Natürlich hat er mit dieser Prognose recht behalten 🙂

Der Löwenjunge ist übrigens auch heute noch die Ruhe selbst bei Ärzten und in Krankenhäusern. Er lässt sich ohne mit der Wimper zu zucken einen Zugang legen oder Blut abnehmen. Das Einzige, was ihn richtig ärgert, ist die Tatsache, dass er trotz seiner zahlreichen Arzt- und Krankenhausbesuche immer noch keinen Gipsarm hatte wie seine Schwester!

Und auch ich habe von unserem Kinderarzt bei dieser ersten Begegnung eine Aufgabe bekommen: nämlich die Aufgabe, mich zu informieren über die Trisomie 21 und zur Spezialistin für meinen Sohn und seine Besonderheiten zu werden, um mit allen Ärzten auf Augenhöhe diskutieren zu können. Auch diesen Ratschlag habe ich beherzigt und denke immer wieder daran.

Wie ist Euer Verhältnis zu Eurem Kinderarzt?

Bildquelle: Pixabay

Blogreihe: Bedürfnisorientiert und Behinderung – (wie) geht das? Teil I

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Ein Kind mit (geistiger) Behinderung bedürfnis- und bindungsorientiert erziehen – geht das überhaupt?

Eigentlich wollte ich nur einen Artikel darüber schreiben – und diese Fragestellung ansonsten hier in den „Blogalltag“ einfließen lassen, habe aber jetzt festgestellt, dass das Thema doch ganz schön umfangreich ist – deshalb habe ich mich entschlossen, eine Blogreihe dazu zu starten. Ich werde also in loser Folge immer mal wieder darüber schreiben – und freue mich auch sehr über Gastebeiträge dazu.

Zunächst einmal: Was ist überhaupt eine bedürfnis- und bindungsorientierte Erziehung?

Der englische Begriff heißt „Attachment Parenting“ und die meisten denken dabei als erstes an Tragen (konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht und wäre auch bei einem Säugling und einem nichtlaufenden behinderten Kleinkind nur schwer machbar gewesen), Stillen (habe ich, allerdings aus verschiedenen Gründen beide Kinder nur jeweils 9 Monate) und Familienbett (gibt es bei uns zur Zeit gleich zwei). Aber, wie Inke Hummel in ihrer Erklärung auf dem Blog Bindungs(t)räume schreibt, AP ist gleichzeitig viel mehr – und trotzdem nicht so kompliziert wie es klingt:

Im Alltag ist es aber eben kein Abhaken eines Punktekatalogs.

AP kann auch sein zu erkennen, dass ein Baby besser schläft, wenn es alleine in seinem Bett liegt, dass die Eltern besser schlafen, wenn sie sich aufteilen und eine Zeit lang nachts trennen und nur einer beim Baby schläft (…)

AP kann auch sein zu erkennen, dass ein Kind lieber viel am Boden liegt und sich bewegt, statt viel getragen zu werden. Oder dass ein Baby gerne im Kinderwagen liegt anstatt in der Enge des Tragetuchs zu sein.

(…)

AP ist eben vor allem Beziehung, Einfühlen, Spüren was gebraucht wird. Empathie, sich einlassen auf was auch immer gebraucht wird. Reagieren, ausprobieren, auch mal scheitern und neu angehen.

Und dabei versuchen das Familiengefüge in Balance zu halten, denn alle brauchen unterschiedliche Dinge: das jüngste Familienmitglied, die anderen Kinder, die Eltern als Einzelpersonen und als Paar.

Das klingt für manche Ohren nach einem unerklimmbaren Berg und nach unerreichbarer Perfektion, aber das ist es gar nicht.

Es braucht nur Zeit, Herz, Vertrauen und Kommunikation. Es braucht eigentlich ziemlich wenig Bücher, keine Einteilung in Phasen und Schübe, keine Vergleiche mit anderen. Es braucht ein Hinsehen, und es braucht Milde, besonders auch mit sich selbst.

Trotzdem ist AP auch nicht gleichzusetzen mit einer „Laissez-Faire“-Erziehung – es gibt auch bei uns Regeln und Grenzen (ein gutes Beispiel dafür habe ich heute zufällig  hier gefunden).

Für mich bedeutet Attachment Parenting momentan vor allem, dass ich

  • mich so gut wie möglich in die Bedürfnisse meiner Kinder hineinversetze. Auch wenn das Löwenmädchen für sein Alter sehr groß gewachsen ist und sehr gut spricht, so braucht sie es zum Beispiel nach einem langen Tag doch, wenn sie auch mal Baby spielen und sich verwöhnen lassen kann.
  • meinen Kindern zutraue,  viele Entscheidungen selbst treffen zu können, z.B. beim Essen oder Schlafen (wenn eines der Löwenkinder vorm Kindergarten nicht frühstücken möchte, ist das völlig in Ordnung. Ich weiß, dass sie im Kindergarten genug Zeit und Gelegenheit haben, das nachzuholen).
  • versuche, alte Glaubenssätze und Erziehungsmechanismen zu vermeiden oder wenigstens zu hinterfragen („Das macht man nicht!“ streiche ich nach Möglichkeit aus meinem aktiven Wortschatz – wenn mir der Satz auf den Lippen liegt, überlege ich vielmehr, wer „man“ ist und ob dieser Glaubenssatz wirklich meinen eigenen Prinzipien entspricht)
  • mich frei nach Susanne Mierau frage: „Ist das gerade wirklich wichtig?“ – ist es gerade wirklich wichtig, das Puzzle aufzuräumen, wenn alle Riesenhunger haben oder ein Löwenkind gerade eine Kuscheleinheit braucht?
  • zu erkennen versuche, welche Bedürfnisse hinter dem Verhalten der Kinder liegen. Wenn das Löwenmädchen mir beim Üben mit dem Löwenjungen dazwischenfunkt, möchte sie vielleicht auch einfach die gleiche ungeteilte Aufmerksamkeit. Je nach Situation kann ich dann entweder mit beiden Kindern gemeinsam üben, den Löwenpapa mit einspannen oder das Löwenmädchen bitten, etwas für mich zu erledigen und sie so miteinbeziehen.
  • auch die Bedürfnisse der Erwachsenen im Blick habe. Einige werden empört aufschreien, aber bei uns wird momentan sonntags mittags meist vorm Fernseher gegessen. Die Löwenkinder dürfen sich einen Film aussuchen und knabbern belegte Brote und Rohkost, während der Löwenpapa einen Mittagsschlaf macht und ich neben den Kindern auf dem Sofa in Ruhe einen Milchkaffee trinke und Zeitung lese.
  • den Kindern meinen Bedürfnisse und Grenzen so gut es geht erkäre und vermittle – so, dass sie es verstehen können.

 

Vielleicht ist Euch auch aufgefallen, dass viele meiner Beispiele sich entweder auf beide Löwenkinder oder nur das Löwenmädchen beziehen – beim Löwenjungen ist das Erkennen seiner Bedürfnisse für mich nicht immer ganz so klar. Im nächsten Beitrag werde ich Euch genauer erklären, warum das so ist und Euch berichten, wie unser bedürfnisorientierter Weg bei ihm aussieht!

Auf dem Weg zur Inklusion?

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Im September 2018 wird der Löwenjunge eingeschult – für welche Schulart wir uns entscheiden werden, wissen wir noch nicht. An unserem Weg der Entscheidungsfindung möchte ich Euch hier gerne immer mal wieder teilhaben lassen – heute zunächst mal mit dem Status quo und meinen ersten Kontakten zu Schulen und Entscheidungsträgern.

Vorab: In unserer Kleinstadt wurde noch nie ein Kind mit sogenannter „geistiger Behinderung“ inklusiv beschult, nur Kinder mit Lernbehinderung und dies auch nur an einer einzigen Grundschule.

Ich wünsche mir für mein Kind eine Schule, an der er sich wohl fühlt und Teil einer Gemeinschaft ist – und kein Außenseiter. Nun ist der Löwenjunge aber – anders als seine Schwester – recht zurückhaltend und in neuen Situationen, bei fremden Leuten oder wenn er unter Druck steht, regelrecht scheu und kann richtig verstummen. Gleichzeitig wünsche ich mir aber auch für ihn, dass er so viel lernen darf, wie er kann und will – und das ist meiner Ansicht nach recht viel. Er ist wissbegierig, ausdauernd und hat eine Konzentrationsfähigkeit, die allen seinen Therapeuten immer wieder Bewunderung abverlangt.

Die meisten Leute, die mir bisher Empfehlungen zu seiner schulischen Laufbahn gegeben haben, kannten den Löwenjungen überhaupt nicht – hatten aber trotzdem bereits eine feste Meinung:

Anruf 1: bei der Schule in unserem Einzugsgebiet.

Eine wohnortnahe Schule wäre für mich die Traumlösung: Der Löwenjunge könnte weiterhin mit seinen Kindergartenfreunden zusammenbleiben, der Schulweg wäre zu Fuß machbar und evtl. käme auch das Löwenmädchen ein Jahr später an die gleiche Schule (was für mich die Alltagsorganisation ein großes Stück einfacher machen würde). In jedem Fall ist diese Schule aber für uns zuständig und muß die nötigen Anträge in die Wege leiten.

Kurze Vorstellung meinerseits und meines Anliegens (Kennenlerngespräch vereinbaren, um zu besprechen ob und wie eine inklusive Beschulung möglich ist)

Schuldirektorin: „Aber wenn Ihr Sohn behindert ist, wird er doch den Schulweg ohnehin nicht alleine gehen können. Dann brauchen Sie ihn doch auch nicht wohnortnah zu beschulen!“

Einen Termin haben wir dann doch vereinbart – natürlich außerhalb der Betreuungszeiten des Kindergartens. Nachdem ich extra eine Betreuung organisiert hatte und zur Schule kam, musste ich dort feststellen, dass die Direktorin erkrankt war und es bis zum Nachmittag niemand geschafft hatte, mir abzusagen.

(Die Anträge habe ich mir inzwischen per Post schicken lassen)

Anruf 2: beim Schulamt

Hier wird entschieden, welche Schule uns für den Löwenjungen vorgeschlagen wird. Die „freie Schulwahl“, die mit der UN-Behindertenkonvention 2009 unser Recht geworden ist, beinhaltet hier in Süddeutschland die Wahl zwischen einer (Regel-)Grundschule, die das Schulamt uns vorschlägt, und der Förderschule für geistige Behinderung. 

Auch hier wieder kurze Vorstellung meinerseits, ich möchte mich über das Prozedere bei einer inklusiven Beschulung informieren.

Sachbearbeiterin: „Was hat Ihr Sohn denn?“

Ich: „Downsyndrom“

Sie: „Ach, das sind ja so fröhliche Kinder! Und sie lernen so gut durch Nachahmung!  Sie sollten ihn unbedingt in einer unserer Inklusionsklassen anmelden!“

Die Inklusionsklassen hießen hier früher Außenklassen. Eine Klasse der Förderschule ist an einer normalen Grundschule angesiedelt, so dass die Kinder die Pausen mit den „normalen“ Schülern verbringen sowie oftmals in den sogenannten „weichen“ Fächern gemeinsam „lernen“ – also Kunst, Musik, Sport, etc. Für die „richtigen“ (ich entschuldige mich bei allen mitlesenden Kunst-, Musik- und Sportlehrern!) Fächer werden die Kinder allerdings getrennt unterrichtet – damit die „normalen“ und die „anders normalen“ Kinder jeweils ungestört und nach ihrem Niveau lernen können. Vom ursprünglichen Gedanken der Inklusion finde ich bei diesem Konzept nicht viel. 

Immerhin erfahre ich bei diesem Telefonat noch, dass es in unserer Kleinstadt nur eine Grundschule gibt, an der eine inklusive Beschulung möglich ist – auch wenn dies bisher nur für Kinder mit Lernbehinderung auf die Beine gestellt wurde. Mir wird aber dringend nahegelegt, mich bei der sonderpädagogischen Beratungsstelle zu informieren – und mir auf jeden Fall die AußenInklusionsklassen anzuschauen.

Anruf 3: bei der sonderpädagogischen Beratungsstelle

Diese befindet sich passenderweise in der Förderschule für geistige Behinderung.

Nach meiner üblichen Vorstellung kommt dann diese Aussage:

„Ja, die Inklusion klingt natürlich schon immer toll für die Eltern. Sie hat aber einfach auch gravierende Nachteile für die Kinder. Unsere Inklusionsklassen hingegen…..“

Diejenigen, die den Löwenjungen seit mehreren Jahren begleiten und ihn gut kennen, befürworten allesamt eine inklusive Beschulung: unser Kinderarzt ( auf den ich noch ein Loblied singen werde), die Frühförderstelle, die Erzieher und Heilpädagoginnen in seiner Kita, die Logopäden und Ergotherapeuten in unserem Therapiezentrum. O-Ton hier: „Der Löwenjunge hat Potential und ist lernbegierig. Es wäre sehr bedauernswert, ihm diese Möglichkeit von vorneherein zu nehmen.“

Und was sagt nun die Löwenmama?

Ich habe das Mammutgutachten, das für seine Einschulung notwendig ist, in die Wege geleitet. Gleichzeitig werden wir uns nach den Sommerferien die Förderschule, die AußenInklusionsklasse und die einzige Grundschule ansehen, die unser Kind aufnehmen würde – dann können wir uns zumindest ein umfassendes Bild machen. Und natürlich achten wir auch darauf, was der Löwenjunge will! Entscheiden müssen wir uns bis Ende März 2018.

Anruf 4: bei der inklusiv arbeitenden Grundschule

Die Direktorin: „Wir arbeiten seit 5 Jahren inklusiv. 3 Jahre davon hatten meine Lehrkräfte keinen Sonderpädagogen an ihrer Seite und mussten alles alleine stemmen. Wir sind hier alle an den Grenzen unserer Belastbarkeit oder bereits darüber hinaus. Trotzdem sage ich Ihnen: Meine Kolleginnen und ich stehen hinter unserer inklusiven Arbeitsweise und Ihr Sohn ist natürlich bei uns willkommen!“

To be continued!

Willkommen…

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… bei uns Kleinstadtlöwen!

Hier schreibe ich, die Löwenmama, über unser Familienleben und unseren Alltag. Zu den Kleinstadtlöwen gehören neben dem Löwenpapa der Löwenjunge, der jetzt schon 5,5 Jahre alt ist,  und das Löwenmädchen, das bald 4 wird und sehnsüchtig auf seinen Geburtstag wartet.

Ich habe lange überlegt, ob ich noch die Zeit habe, einen Blog zu schreiben – schließlich könnte für mich jeder Tag locker 36 Stunden haben, ohne dass Langeweile aufkäme.

Aber aus zwei Gründen habe ich mich dann doch dafür entschieden:

Der Löwenjunge hat das Down-Syndrom, also ein Chromosom mehr als alle anderen. Als wir damals von diesem „Extra“ erfahren haben, ist für mich eine Welt zusammengebrochen – vielleicht werde ich an anderer Stelle noch einmal ausführlicher darüber schreiben. Geholfen haben mir in dieser Zeit die vielen Blogs von Eltern, die auch ein Kind mit Down-Syndrom haben. Dort konnte ich nachlesen, wie normal doch ihr Alltag ist.

In den letzten 2 Jahren habe ich für uns als Familie den Weg des bedürfnisorientierten Aufwachsens entdeckt. Auch hier dienten mir wieder die vielen Blogs als Wegweiser – nur einen Aspekt vermisse ich dabei bis heute: das bedürfnisorientierte Aufwachsen von Kindern mit Behinderung. Diese Lücke würde ich gerne hier im Blog schließen – und zeigen, wie unser bedürfnisorientierter Weg und Alltag aussehen!

Ihr dürft Euch also hier auf eine bunte Mischung freuen, die Euch Einblicke gibt in unser Leben!