Türchen Nr. 13

Heute habe ich ein ganz besonderes Türchen von Euch, ein sehr berührender Erfahrungsbericht und ein flammendes Plädoyer für Toleranz und Vielfalt!

Hallo, ich bin 14 Jahre und großer Bruder eines kleinen Mädchens mit Trisomie 21. Für mich ist schon durch meine Schwester Inklusion nichts Besonderes. Eigentlich bräuchte man dieses Wort auch gar nicht, wenn man jeden Menschen so nehmen würde, wie er ist.
Aber viele können das noch nicht.
Schon im Kindergarten durfte ich viele Kinder kennenlernen. Jedes Kind brachte seine eigene Geschichte mit. Die Erzieherinnen sprachen von manchen anders. Ein Junge hatte Trisomie 21, ein anderes Kind Autismus und dann gab es da auch noch jede Menge wilde Kinder und auch ganz ruhige Kinder. Ich selber war wohl zu „ruhig“. Meiner Mutter wurde immer wieder erklärt, dass ich nicht in der Lage wäre Kontakt zu anderen Kindern aufzunehmen. Aber ich wollte eigentlich gar keinen Kontakt. Mir war es ganz recht, wenn ich mit den Bausteinen und Autos alleine spielen konnte, dann machte auch keiner etwas kaputt. Oft fragte ich mich, ob ich mit anderen spielen muss, weil es eine Erzieherin gut findet. Im Laufe meiner Kindergarten Karriere hat sich das natürlich geändert und ich hatte meine Freunde. Das Kind mit T21 fiel mir nur auf, wenn sie es fütterten oder nur mit ihm besondere Spiele etc. machten, die sonst von uns niemand machte. Fand ich auch irgendwie komisch das da nicht auch andere Kinder mitmachten. Ich kannte es von zu Hause eben anders. Wenn meine kleine Schwester Übungen machen sollte / musste, durfte ich jederzeit mitmachen. Es war bzw. ist total normal. Manchmal, wenn sie keine Lust hat, dann kann nur ich sie motivieren und wir beide rocken das dann. Also eigentlich auch total normal.Dann kam ich in die Schule. Irgendwann stand der Wechsel in eine weiterführende Schule an und es kam ein Kind mit Schulbegleitung in meine Klasse. Anfangs fand ich es schön, das keiner irgendetwas thematisierte. Als dann aber die Schulbegleitung auf mich zu kam und meinte, wenn es ihm zu viel wird, kann es schon sein, dass er den Stuhl packt und auf dich schmeißt. Aber sie wäre ja mit im Raum. Zu der Zeit saß ich neben dem Jungen und es war echt super, weil er spitze in Mathe war, wobei er mir helfen konnte. Ich glaube, konnte durch meine ruhige Art, etwas Ruhe für ihn bringen. Nach ihren Worten allerdings hatte ich Angst und wollte einfach nur wissen wie ich damit umgehen sollte. Weder die Schulbegleitung noch die Lehrer wollten darüber reden. In der Klasse machte sich allerdings etwas komische Stimmung breit. Beim Umsetzen blieb ich immer neben ihm sitzen, während andere den Sitznachbarn tauschten. Keiner wollte neben dem Jungen mit der Schulbegleitung sitzen. Für mich war das kein Problem, bis auf die Angst irgendwann mal einen Stuhl auf den Kopf zu bekommen und dem Wunsch auch mal wieder neben einem meiner Freunde zu sitzen. Im Laufe der Wochen stellte sich heraus, dass wir uns beide zwar akzeptierten, aber uns beide nicht so sympathisch finden, dass es für eine Freundschaft ausreichen würde.Und plötzlich begannen die Lehrer ihm zu verbieten seine Bücher unter dem Tisch zu lesen. Er sollte aufmerksam dem Unterricht folgen, was er, wie ich da schon wusste, nicht konnte. Irgendetwas stresste ihn so sehr, dass er durch das Lesen seiner Bücher, versuchte wieder runterzukommen. Ich konnte spüren, wie die Spannung beim Lesen von ihm abfiel. Und das tolle dabei, er bekam den Unterricht auch mit. Wow, das wenn ich könnte 😉 . Meine Mutter meinte, dass der Junge evtl. Autismus habe. Ich wusste es nicht. Es sprach niemand darüber….das Klima in der Klasse wurde schlechter, unsere Mitschüler und auch meine alten Freunde begannen ihn zu ärgern und seine Besonderheit schlecht zu machen. Sie nutzten die Möglichkeit ihn hochzuschießen und fanden das alles total witzig. Und ich stand da, zwischen beiden. Er hatte doch auch das Recht ganz normal zu lernen, wie wir, wie auch meine kleine Schwester. Obwohl ich auch bei ihr wußte, dass es nicht normal war als Kind mit Behinderung auf eine Regelschule zu gehen. Meine Eltern mussten da schon ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten. Genau wie ihr tut auch meinem ehemaligen Mitschüler mit Autismus (hat er mir irgendwann dann doch erzählt, dass er eben darum so ist, wie er ist) die Normalität gut. Für mich begannen schwierige Zeiten. Ein weiterer Klassenkamerad und ich versuchten den Jungen so gut als möglich auch in unsere Gruppenarbeiten mit einzubinden, was nicht einfach ist, wenn man sich dadurch automatisch gegen seine Freunde stellt. Aber es ist eben auch nicht richtig jemanden auszugrenzen, weil er anders ist. Und wäre er so viel anders, wenn wir ihm seine Rituale lassen würden? Hat nicht jeder von uns ein Ritual um mit für ihn schwierigen Situationen umzugehen? Nur sind die eben oft nicht so offensichtlich wie ein Buch unter dem Tisch zu lesen.Ich finde, jeder Mensch ist besonders und sollte auf die Schule gehen dürfen, auf die er gehen möchte, ohne dass irgendwer über ihn urteilt. Man sollte generell über niemanden urteilen. Nehmen wir unsere Mitmenschen so wie sie sind, heißt es nicht mit jedem befreundet zu sein, sondern einfach nur tolerant zu sein und sie in ihrer Art zu akzeptieren. Es heißt nicht, das man jeden mit Behinderung als „Besten Freund“ ansehen muss, sondern nur tolerieren und akzeptieren und nicht ausstoßen aufgrund seiner besonderen Art. Dies hat mich leider auch meine „Freunde“ gekostet. Dadurch war ich offen für neue echte Freunde, die ich immer noch habe. Sie akzeptieren meine kleine Schwester so wie sie ist, mit allen Ecken und Kanten und ihrem großen Herz.
Lieber großer Bruder, Deine Worte haben mich sehr berührt. Jede Klasse, jede Gemeinschaft braucht Menschen wie Dich! Bleib so wunderbar!

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