Warum Inklusion für alle wichtig ist

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Liebe Leser*innen,

neulich war ich mit einer sehr lieben Freundin brunchen und neben vielen anderen Themen ging es irgendwann auch darum, ob und wie gut unsere Kinder in Kindergärten und anderen Einrichtungen betreut werden – und welche Vorteile ich in unserem Kindergarten und einem „inklusiven Blick“ auf das Kind sehe – für den Löwenjungen mit dem Extrachromosom, aber auch für das Löwenmädchen. Für mich ist es sehr wichtig, dass beide Kinder überall da, wo sie sich aufhalten, willkommen sind – und zwar genau so, wie sie sind. Dass sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit, ihren Stärken und Vorlieben genau wie mit ihren Schwächen und Abneigungen angenommen werden und man ihnen wertschätzend und auf Augenhöhe begegnet. Dass ihre Bedürfnisse gesehen und, wenn nötig, gestillt werden – oder aber dass ihnen dabei geholfen wird, sich ihre Bedürfnisse selbst zu erfüllen.

Ich weiß, dass dies heute in einigen Kitas in Deutschland nicht der Fall ist – und ich kenne inzwischen nicht wenige Eltern, die entweder die Kita gewechselt haben bzw. die Kinder nach schlechten Erfahrungen doch wieder selbst betreuen, oder aber die aus finanziellen oder anderen Gründen keine andere Wahl haben als ihre Kinder mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten schlechten Gewissen in eine suboptimale Betreuungseinrichtung zu geben.

Dass ich unseren Kindergarten sehr schätze, habe ich ja hier schon einmal geschrieben. Ich bin ganz ehrlich: Hätte ich kein behindertes Kind, hätte ich auch meine Tochter ohne Behinderung höchstwahrscheinlich nicht in einen integrativen (aber vom Denkansatz her inklusiven) Kindergarten gegeben. Mit meinem heutigen Wissen kann ich nur sagen: Was für ein Glück haben wir als Familie, dass wir den Löwenjungen mitsamt seinem Extrachromosom bei uns haben! Was für ein Glück haben wir, dass wir durch ihn unser Verständnis von Normen und Normalität verändern und unser Leben an diesen Werten ausrichten durften! Und was für ein Glück hat seine kleine Schwester, so einen großen Bruder zu haben!

Beide Kinder verbringen nun ihre Vormittage in einem Kindergarten, der sie so annimmt, wie sie sind. Dadurch, dass hier jedes Kind willkommen ist, ist das Bewusstsein der Erzieher*innen geschärft für die Einzigartigkeit jedes Kindes. Und dadurch, dass es hier im Laufe der Jahre schon die verschiedensten Behinderungen gab, ist das Normverständnis erweitert. Natürlich beobachten und dokumentieren die Erzieher*innen und Heilpädagoginnen die Entwicklung der Kinder. Und natürlich sehen sie, wenn eine Entwicklung nicht „normgerecht“ verläuft, und besprechen dies mit den Eltern. Meiner Erfahrung nach geschieht dies aber nicht bewertend, sondern wertschätzend. Und da der Rahmen dessen, was als „normal“ gilt, in diesem Kindergarten so weit gesteckt ist, fällt auch das „nicht normgerechte“ Kind dennoch nicht aus eben diesem Rahmen heraus.

Was ich sagen möchte: Inklusion heißt nicht nur, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen und leben. Inklusion heißt vor allem, dass ALLE Menschen so angenommen werden, wie sie sind. Unabhängig von ihrer Behinderung, ihrer Herkunft, ihrer familiären Situation und allen anderen Faktoren. Inklusion heißt, die Kinder nicht in verschiedene Schubladen zu stecken und danach zu bewerten, sondern ihnen offen zu begegnen. Inklusion heißt, die Kinder – und auch ihre augenscheinlichen Defizite – liebevoll anzunehmen. Natürlich heißt Inklusion auch, den Kindern Angebote zu machen, damit sie sich weiterentwickeln können. Und Inklusion heißt, auch auf die „lauten“ oder „wilden“ Kinder einzugehen und ihnen Raum zu geben zum „laut und wild“-Sein. Inklusion heißt, dass jedes Kind montags etwas von seinem Wochenende erzählen oder auf andere Art darüber kommunizieren kann, egal ob es am Wochenende ferngesehen oder ein Kindermuseum besucht hat. Egal, ob es das mit Mama und Papa, nur mit Mama oder mit seinen zwei Papas gemacht hat.

Jedes Kind und jeder Mensch entspricht irgendwo in seinem Wesen nicht der gängigen Norm. Bei dem einen ist es mehr, bei dem anderen weniger auffällig. Wir alle wollen jedoch so akzeptiert und geliebt werden, wie wir sind – und nicht, wie wir sein sollen. Und deshalb geht Inklusion uns alle an.

Am 5. Mai findet übrigens landesweit wieder der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung statt und in vielen Städten gibt es dazu Aktionen. Mich werdet Ihr am Samstag hier finden – was habt Ihr geplant?

Viele Grüße,

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

6 Gedanken zu „Warum Inklusion für alle wichtig ist

  1. Toller Artikel! Sehe ich auch so. Unser Integrations-Kindergarten ist auch richtig gut, einfach spitze. Ich sehe aber ein ganz großes Problem, was kommt danach? Bei uns in Bayern gibt es in der Schule fast nur Einzelinklusion oder Förderschulen. Wo sind die Integrationskinder hin? Jetzt wohnen wir am Stadtrand von München und selbst da ist es in meinen Augen eine Katastrophe und wird unseren Kindern, egal ob mit oder ohne Extrachromosom, nicht gerecht. Hier muss aus meiner Sicht dringend was passieren!

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    • Ja, es muss sich dringend einiges ändern, das sehe ich genauso! Die Standards, die wir aus unseren Kindergärten kennen, sollten einfach in allen Einrichtungen zur Norm werden. Dann wäre unser Leben, aber auch das vieler anderer Familien um einiges leichter.

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  2. Pingback: Warum Inklusion die beste Förderung ist – und die Sonderschule endlich der Vergangenheit angehören sollte: Mein Beitrag zum scoyo Blog Award | Kleinstadtlöwen

  3. Pingback: 55 Fragen an Elternblogger | Kleinstadtlöwen

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