Inklusionsbericht 2: Simon, 4 Jahre, aus Bayern

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Guten Morgen Ihr Lieben,

nachdem die letzte Woche ganz im Zeichen des Welt-Down-Syndrom-Tags gestanden hat, kehrt hier im Blog nun wieder der Alltag ein. Heute habe ich nämlich endlich mal wieder einen wunderbaren Inklusionsbericht von Euch – und zwar von Sylvia, der „Glückskindmama“, die uns von Simon berichtet. Lest selbst:

Da sitze ich nun.
„Schreib einen Bericht über Inklusion.
Schreib über euch.
Erzähl doch mal…“

… hieß es…

Hach ja, erzähl doch mal… es ist ja irgendwie gar nicht so leicht, alles schnell zu erzählen, die ganze Geschichte in ein paar Zeilen zu packen, vor allem soll es auch noch verständlich sein.

Wie fange ich da wohl am besten an.
Von vorne? Ganz von vorne?
Ich schreib einfach mal und irgendwie wird es sich ergeben.

Ich bin Sylvia, Ende 30, Mama von 2 Kindern.
Unser großer Sohn ist unser Pflegesohn, aber „Pflegesohn“ – das Wort benutzen wir eigentlich nie. Die emotionale Schiene unterscheidet uns nicht von leiblichen Eltern. Er ist unser Kind.
Unser kleiner Sohn ist unser leibliches Kind.
Hier im Bericht soll es um unseren Großen gehen, unser Glückskind.
Simon! Simon ist inzwischen 4 Jahre jung.
Er ist ein sogenanntes Extremfrühchen.
Nach vielen, vielen Komplikationen, 6,5 Monaten Klinik und 8 Kopfoperationen durften wir damals nach Hause.
Nach Hause mit einem mehrfach schwerstbehinderten Kind, das zusätzlich blind ist und Epilepsie hat.
Laut Ärzten ein Kind, „das nie etwas können wird, außer apathisch auf dem Rücken liegen.“

Unser Glückskind bewies das Gegenteil.
Er kann so herzhaft lachen. Liebt es, wenn es laut und lustig zugeht, genießt den Sonnenschein, liebt seinen Bruder, liebt das Kuscheln und kann so vieles, was ihm kein Arzt zugetraut hat.
Wir dagegen haben immer an ihn geglaubt. Und tun dies auch weiterhin.

Glückskind deshalb, weil er einfach wirklich viel Glück im Leben hat(te). War oft dem Tod näher als dem Leben. Kämpfte sich ins Leben.

Wir sind eine sehr bunte Familie und wohnen in einer Region im tiefsten Bayern, in der eher konservativ gelebt wird.
Das ist nicht unbedingt schlecht, aber eben nicht unser Lebensstil.

Das Wort bunt haben wir für uns gewählt. Es umschreibt und beschreibt uns eigentlich komplett.

Unser Lebensstil ist lebensbejahend. Positiv eingestellt. Immer das Schöne sehen und sich auch an kleinen Dingen erfreuen.
Die Tage bewusst leben.
Toleranz, Offenheit, einfach bunt…
Manchmal eben auch etwas „anders“… 🙃😉

Wir leben bedürfnisorientiert.
Und wir „erziehen“ unsere Kinder zu offenen, toleranten und naturnahen Menschen.

J,a so leben wir. Wir leben tagein, tagaus Inklusion.

Überall.

Es ist nicht einfach „ja dann machen wir es mal“, sondern es ist unsere innere Lebenseinstellung.
Eine Lebenseinstellung, dass die Gesellschaft bunt ist.
Und ja, da gehört jeder dazu. Egal mit welchen Stärken und Schwächen.

Als Simon 2,5 Jahre alt wurde, kam das Thema Kindergarten auf.
Wir wollten ihn mit knapp vier Jahren in den Kindergarten geben.
Unser Ziel war: Inklusion.
Es sollte ein Regelkindergarten sein.
Er sollte dort einfach spielen dürfen, es ging nicht um Therapien oder ähnliches. Sondern Sozialkontakte zu NICHTbehinderten Kindern.

Als wir die Suche starteten, war uns nicht bewusst, was wir lostreten würden.

Wir wollten so zeitig mit der Suche beginnen, um alles gemütlich mit Kiga, 1:1 Kraft, etc. planen zu können.

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten:

Es wurde ein Kampf, ein steiniger Weg, ein 17 Monate andauernder Kampf für ein Menschenrecht.
Nämlich Inklusion.

Naiv wie ich war, rief ich in vielen Kigas an, erzählte von uns und war eigentlich der Meinung, man würde bestimmt zu einem Kennenlerngespräch eingeladen.

Sehr schnell zeigte sich, dass sich die Türen oftmals schneller schlossen, als woanders eine aufging.

Aussagen von Kindergartenleitungen, die wir zu hören bekamen, waren:

„Behinderte gehören zu Behinderten“
„Für SOLCHE Kinder haben wir nichts zum Spielen.“
„Frau S., verstehen Sie doch, Ihr Kind ist behindert und gehört nicht in einen normalen Kindergarten“

Gut, das kann man so sehen. Muss es aber nicht so sehen.

Vor allem hatten wir im Gepäck Gutachten und Stellungnahmen von Ärzten, Chefärzten und Therapeuten, die alle einen Regelkiga befürworteten, da sie – genau wie wir – es als wunderbare Chance für alle sahen.

Für Simon – der Input der nicht behinderten Kinder ist unbezahlbar.
Und für die anderen Kinder.
Der Umgang mit dem Thema Behinderung ist für die Kids so normal.

Aber die Türen schlossen sich… von Mal zu Mal wurde es schwieriger.

Inzwischen war auch überall bekannt, dass wir einen Platz suchen.

Da standen plötzlich Menschen vor unserer Haustüre mit der Bitte: „Meldet euer Kind bitte nicht in unserem Kindergarten an“.

Oder eine Nachbarin: „Für den da braucht es doch eine spezielle Einrichtung.“

Ja, die Aussagen waren oftmals plump, herablassend und unverschämt.

Ich möchte die Menschen dafür auch gar nicht verurteilen, denn ich glaube, es steckt sehr viel Angst und Unsicherheit hinter dem Verhalten.

Das Einzige, was ich mir wirklich gewünscht hätte, wäre gewesen, dass man uns wenigstens einmal zu einem Schnuppertag in den Kindergarten eingeladen hätte.

Dass Erzieher hier einfach Offenheit und Toleranz signalisiert hätten.

Aber nein: Man traf die Entscheidung immer am Telefon, in dem man von Vornherein sagte: Behinderte gehören in eine Fördereinrichtung.

Das aber sollten Eltern für sich entscheiden dürfen.
Wir haben uns für den Weg der Inklusion entschieden.

Da standen wir also nun: die Zusage für eine 1:1 Kraft in der Tasche, aber weit und breit kein Kindergartenplatz in Sicht.

Unsere Suche nach einem Platz zog weite Kreise, durch Ämter, Behörden, in die Politik, über Radio, Zeitung und quer durch Facebook.

17 Monate lang geschah nichts.
Wir hatten ca 40 Einrichtungen angefragt.

Bis zu dem einen Tag im Juni 2017.

Da kam der Anruf: „Wir haben einen Platz für Simon.
Sucht ihr noch?“

Und welch ein Glückstreffer. Es war unsere Wunscheinrichtung.

Ein Montessori-Kindergarten.

Juni 2017… puhhh, Beginn sollte September 2017 sein.
Eine 1:1 Kraft suchen? Wow! Das wird nicht klappen. Wie und wo sollen wir auf diese Schnelle jemanden finden?

Und auch dieses „Problemchen“ löste sich direkt im Juli 2017 auf.
In der angeschlossenen Schule wurde eine 1:1 Kraft frei.
Nach einem Kennenlernen mit dieser war uns sofort klar:

Sie ist es!
Simon und seine M. kamen von Anfang an super miteinander klar.

Jaaa und so ist es.
Seit September 2017 erleben wir nun auch im Regelkindergarten Inklusion.
Unser Kind wird dort komplett nach seinen Bedürfnissen betreut.

Keine festen, starren Zeiten, die er in der Einrichtung sein muss. Sondern wirklich so, wie es ihm gut geht.

Er genießt es mit den Kinder zu spielen, dabei zu sein.
Er liebt den Trubel.
Und trotzdem wird er mit seinen besonderen Bedürfnissen wahrgenommen, geschätzt und akzeptiert.

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Inklusion ist etwas Wunderbares.

Und ich selbst finde es sehr schade, dass Eltern diesen Weg für Ihre Kinder so hart erkämpfen müssen.

Wir leben in einem Land, in dem jeder seinen Weg selbst entscheiden kann.

Warum wird es einem dann hier so schwer gemacht?

Für uns war immer klar: Wir hätten auch länger als 17 Monate durchgehalten und weiter gekämpft 😉

Das Leben ist bunt und schön ❤

Liebe Sylvia, noch einmal vielen Dank, dass Du Eure Geschichte mit uns geteilt hast! Ich wünsche Simon noch viele schöne Stunden im Kindergarten und bin gespannt, wie Euer Weg weitergehen wird!
Wer noch mehr über Sylvia und Glückskind Simon erfahren möchte, darf gerne auf ihrer Homepage oder Facebookseite schnuppern!
Und wenn noch jemand seine Inklusionsgeschichte mit uns teilen möchte – egal ob Schule, Beruf, Kindergarten oder Freizeit -, darf mich gerne kontaktieren! Und auch negative Erfahrungen sollen und dürfen hier ihren Platz finden!
Ich wünsche Euch noch eine schöne Woche!
Viele Grüße,
Eure Kleinstadtlöwenmama

3 Gedanken zu „Inklusionsbericht 2: Simon, 4 Jahre, aus Bayern

  1. Vierzig Ablehhnungen!
    Ich bewundere euer Durchhaltevermögen, eure Kraft sich nicht irre machen lassen.
    Und dass es Simon dann auch noch so gut gefällt — einfach wunderbar-
    Woher mag die Angst vieler Eltern vor der Integration schwerstbehinderter Kinder in die Gruppen ihrer Kinder rühren?
    Was fürchten sie?
    Natalie

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  2. Pingback: Kleinigkeiten – Fädenrisse

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