Über „Sehnsüchte“, Ansprüche – und meine Wünsche: ein Wochenende in Gedanken!

Ihr Lieben,

ihr wundert Euch bestimmt, dass es heute kein Wochenende in Bildern gibt – wir hatten zwar in der Tat ein tolles Wochenende mit ganz wunderbarem Besuch, den wir so genossen haben…. dass ich völlig vergessen habe, Fotos zu machen.

Den freien Sonntagnachmittag habe ich nun genutzt, Euch meine Gedanken zu einem Interview in der letzten ZEIT aufzuschreiben, über das ich letztes Wochenende gestolpert bin (leider ist es noch nicht öffentlich zugänglich). Es gibt heute also das „Wochenende in Gedanken“ anstatt in Bildern! Titel des Interviews ist „Ich spiele nicht mit Sehnsüchten“ und Interviewpartner ist der Gründer eines „Kinderwunsch-Konzerns“. Folgendes Geschäftsmodell bietet er an: „Junge Frauen mit vielleicht Mitte zwanzig frieren ihre eigenen Eizellen bei uns ein; sie lassen sie Jahre später befruchten, wenn sie so weit sind; es entstehen Embryos, die wir auf genetische Krankheiten testen – und dann setzen wir einen Embryo ein. Ich bin überzeugt: Frauen, die das machen, haben viel höhere Chancen, später im Leben gesunde Kinder zu bekommen.“

Nun kann man ja zum sogenannt social freezing stehen, wie man will – darum geht es mir hier auch nicht. Was mich an diesem Artikel unglaublich wütend und traurig gemacht hat, ist diese ständige Suche nach dem „perfekten“, „gesunden“ Kind – als Grund für die Entstehung von Downsyndrom nennt er beispielsweise „abnormal entwickelte Chromosomen„, außerdem sind „Autismus oder eine Neigung zur Depression“ für ihn „geistige Störungen„.

Ziel seines Konzerns ist nach seinen eigenen Aussagen folgendes: „Mich interessiert, genetische Krankheiten zu heilen. Aber ich bin absolut dagegen, Menschen zu „verbessern“. (…) Wir wollen menschliches Leid lindern, nicht den Menschen verändern.(…) Die Gesundheit kommt zuerst.

Er benennt auch ganz klar die Widersprüche der aktuellen Rechtslage in Deutschland – so ist es hierzulande verboten, in vitro gezeigte Embryos genetisch zu testen (außer bei schweren Erbkrankheiten). Gleichzeitig ist es aber erlaubt, solche Tests im Mutterleib durchzuführen und, bei entsprechendem Ergebnis, einen „medizinisch begründeten Abbruch“ vorzunehmen. Grund für den Abbruch ist bei der Diagnose Downsyndrom fast immer die psychische Gesundheit der Mutter, die durch das Leben mit einem „solchen“ Kind dauerhaft gefährdet sein könnte. Dementsprechend ist, und das ist den allermeisten Menschen nicht bewusst, ein Abbruch der Schwangerschaft noch bis zum Einsetzen der Wehen gesetzlich möglich. Ich stehe diesen Widersprüchen, genau wie er, sehr skeptisch gegenüber – allerdings stehe ich natürlich auf der „anderen Seite.“

Denn nachdem ich jetzt länger über dieses Interview nachgedacht habe, ist mir klargeworden, dass er in diesem Interview bzw. mit seinem ganzen Geschäftsmodell eigentlich nur das widerspiegelt, was unsere Gesellschaft heute ausmacht: Leistungsdenken, Streben nach Perfektion, Optimierung und größtmögliche Kontrolle – und vor allem: Normalität.

Wenn ich in einem Artikel lese, dass das wirtschaftliche Ziel des Unternehmens darin besteht, den Umsatz durch künstliche Befruchtungen zu verdoppeln und „die Art und Weise, wie Menschen eine Familie gründen“ zu „verändern“, dann wird mir ganz anders, denn solche Szenarien klingen für mich immer noch mehr nach Science Fiction als nach Realität.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn auf der anderen Seite lese ich heraus, wie sehr die Menschen danach streben, ein „gesundes“ und „normales“ Kind nach Plan (und nicht nach „Natur“) zu bekommen und ihr „Projekt“ Kind von A bis Z durchzuziehen, möglichst ohne Abweichungen und Planänderungen. Und ich lese auch heraus, dass ein Kind wie der Löwenjunge immer noch als „abnormal“, als Ergebnis einer „genetischen Fehlbildung“ betrachtet wird. Und dass ein anderes Kind mit Autismus und meine Freundin mit ihrer Neigung zu Depressionen „geistige Störungen“ haben.

Natürlich wünschen sich alle Eltern gesunde Kinder – und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich wirklich zwei gesunde Kinder habe. Denn das Downsyndrom ist keine Krankheit – es kann lediglich mit verschiedenen Erkrankungen einhergehen, zum Beispiel ein Herzfehler, Zöliakie, oder anderes. Für mich ist es aber auch keine „Störung“ und auch keine „Abnormalität“. Es existiert aller Wahrscheinlichkeit nach schon genauso lange wie es den Menschen mit 46 Chromosomen gibt, zumindest deuten einige wissenschaftliche Funde darauf hin. Es gehört also zur Menschheit einfach dazu. Mein Sohn hat das Downsyndrom genauso wie meine Tochter ein Grübchen in der Wange hat. Zugegeben – das Grübchen spielt in unserem Alltag eine weniger wichtige Rolle als das Extrachromosom – auch wenn es ein hervorragender Lügendetektor ist. Das Downsyndrom führt, zumindest beim Löwenjungen, schon zu einer Behinderung – das will ich gar nicht leugnen oder schönreden. Manche Sachen kann er nicht so gut wie andere Kinder in seinem Alter, manche Sachen kann er genauso gut, manches kann er besser. Einige Sachen wird er wohl nie lernen – aber auch wir Menschen ohne Extrachromosom kommen irgendwann an unsere Grenzen. Dass jeder Mensch andere Grenzen, aber auch andere Fähigkeiten hat, ist ja gerade das Schöne.

Behinderungen und Abweichungen von der Norm gehören zum Menschsein einfach dazu. Meine Kinder sind so, wie sie sind. Auf der einen Seite ganz normal – und auf der anderen Seite alle beide etwas ganz besonderes. Ob mit oder ohne Extrachromosom, Extraenergie, oder was auch immer. Aber auf jeden Fall sind sie perfekt. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft nicht mehr krampfhaft Normen definiert und Abweichungen von diesen Normen ausgrenzt und eliminiert – sondern dass sie statt dessen die Vielfalt sieht, die uns alle ausmacht und sich freut, dass es zwar gewisse Normen gibt – aber auch unglaublich viele Variationen dieser Normen, die unser aller Leben bereichern.

Und nächstes Wochenende gibt es auch wieder Bilder, versprochen!

Viele Grüße,

 

Eure Kleinstadtlöwenmama

4 Gedanken zu „Über „Sehnsüchte“, Ansprüche – und meine Wünsche: ein Wochenende in Gedanken!

  1. Liebe Kleinstadtlöwenmama,

    Gerne habe ich deine Gedanken zum Wochenende gelesen. Das sollten wir viel mehr machen: über den Ist-Zustand dieser Gesellschaft nachdenken und zwar kritisch – und stärker überlegen, wie diese unsere Gesellschaft eigentlich sein sollte, sein könnte.

    Liebe Grüße Jessi

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