Die Wutjacke

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Liebe Leser,

die Jacke, die Ihr auf diesem Foto seht, ist keine gewöhnliche Jacke – sie ist in erster Linie meine Kuscheljacke und im Winter und Herbst eines meiner liebsten Kleiderstücke. Aber darüber hinaus hat sie bei Bedarf noch ganz andere Funktionen – und was die mit meinem Löwenmädchen zu tun haben, erzähle ich Euch heute!

Das Löwenmädchen kam mit sehr viel Schwung und Temperament auf die Welt. Nach ihrer Geburt – die für mich eindeutig zu schnell ging – fühlte ich mich wie überrollt. Meine Tochter zeigte dafür schon auf der Wochenstation sehr deutlich ihre Präsenz: Geschlafen hat sie schon dort nur auf dem Arm, und auch ansonsten stand sie einfach unter Strom.

Das hat sich im Großen und Ganzen bis heute nicht wesentlich geändert (immerhin schläft sie seit ca. ihrem 2. Geburtstag endlich durch – meistens zumindest). Ihre Energie ist jetzt schon in meiner eher gemütlich veranlagten Ursprungsfamilie legendär. Das gleiche gilt für ihre Gefühlsausbrüche: Wenn ihr etwas gut gefällt, verfällt sie in einen wirklich unglaublichen Enthousiasmus, der ihre Mitmenschen häufig mitreißt und auch den mürrischsten Zeitgenossen ein Lächeln entlockt. Wenn ihr allerdings etwas missfällt, so sind ihre Wutausbrüche mindestens ebenso legendär wie ihr Energielevel. Hier werden also regelmäßig Türen geknallt und es wird in den schrillsten Tönen geschrien – und da ist es bei mir wieder: das Gefühl, überrollt zu werden und nichts tun zu können. Auslöser kann an einem schlechten Tag durchaus die falsche Nudelsorte sein. Häufig hat sie dann Schwierigkeiten, mich an sich heranzulassen und von selbst aus ihrer Wut wieder herauszukommen.

Lange Zeit stand ich diesen Gefühlsausbrüchen hilflos gegenüber, wurde meinerseits auch wütend und verzweifelte. Als ich mich jedoch mehr und mehr mit dem Thema „bedürfnisorientiertes Aufwachsen“ beschäftigte, verstand ich immer besser die Gründe für ihre Emotionen, lernte, nach den dahinterstehenden Bedürfnissen zu fragen und fand auch einige hilfreiche Strategien, mit meinem emotionsgeladenen Kind umzugehen.

Eine dieser Strategien ist inzwischen meine geliebte rote Jacke. Das Löwenmädchen liebt alle meine Sachen und diese Jacke hat sich schon häufig als Trostdecke bewährt. Darin eingekuschelt, kann sie negative Gefühle verarbeiten und zur Ruhe kommen.

Seit kurzem dient die Jacke nun auch als „Wutjacke“ und das funktioniert so: Da sie weit geschnitten ist, kann ich das Löwenmädchen, auch wenn ich die Jacke selbst trage, damit umschlingen und sie kann ihre Wut laut herausschreien – und die Jacke macht dann laute Schmatzgeräusche und frisst die Wut einfach auf. So schaffen wir es, aus dem Wutanfall herauszukommen, die negativen Emotionen in Lachen zu verwandeln und wieder in den Alltag zurückzukehren. Natürlich funktioniert es nicht immer – aber es ist zumindest eine unserer bewährten Strategien. Das Löwenmädchen fragt mich manchmal ganz gezielt nach der Wutjacke und hat sie schon stolz ihrem Papa und ihrer Oma präsentiert und sie auch schon selbst genutzt, um Konflikte und Emotionen mit ihren Kuscheltieren nachzuspielen.

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Diejenigen von Euch, die noch nie ein solches Kind erlebt haben, werden sich jetzt vielleicht denken, dass das wahnsinnig anstrengend klingt. Ja, diese starken Emotionen sind mitunter schwierig auszuhalten. Ich sehe diese Seite von meinem Kind aber auch durchaus als eine Stärke an. Sie kann zum Beispiel ihre eigenen Gefühle und ihr Verhalten sehr gut reflektieren und mitteilen. Je älter sie wird, desto mehr Empathie entwickelt sie auch ihrem Umfeld gegenüber. Ihr großer Bruder war zum Beispiel einen Tag zum Probeunterricht an einer Schule. Was meint Ihr, wem er danach erzählt hat, dass es ihm dort gut gefallen hat? Klar, seiner Schwester, die ihn beim Malen danach gefragt hat. Neulich hat sie mir erklärt, dass es für sie einfacher sei, mich, wenn sie bei ihrem Vater ist, nicht jeden Abend anzurufen: „Weißt Du, Mama, wenn ich Deine Stimme höre, dann spüre ich auf einmal ganz stark, wie sehr ich Dich vermisse, und dann will ich Dich sofort sehen!“ Ein weiterer Vorteil sind die tollen, emotionalen Liebesbotschaften, die ich sehr oft bekomme, so wie diese Sprachnachricht letzte Woche: „Hallo meine liebste Herzmama, ich wünsche Dir eine gute Nacht! Meine Liebe für Dich ist sooooo stark wie nichts auf der Welt!“ Ich hoffe, dass sie sich diese Eigenschaft, ihre Gefühle so offen mitzuteilen, noch lange bewahren kann.

Wer von Euch hat noch so ein „gefühlsstarkes“ Kind? Der Begriff stammt übrigens von Nora Imlau, deren Buch zum gleichen Thema im Mai erscheint – ich bin schon sehr gespannt darauf!

Viele Grüße,

 

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

6 Gedanken zu „Die Wutjacke

  1. Hi!! Kommt mir alles sehr bekannt vor, sowohl die positiven als auch die negativen Seiten dieser Medaille. Darf ich fragen, wie alt das Löwenmädchen jetzt ist? Tolle Idee, tolle Herangehensweise, die mich sehr inspiriert! Lg

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  2. Eine Superidee und toll, dass sie so funktioniert.
    Ich versuch das auch mal, allerdings wird mein Wüterich immer handgreiflich, wenn ich ihn festhalte oder attackiert — noch schlimmer — meine Brille.
    Wenn ich die Ausraster, wie es so schön heißt ohne Berührung empathisch begleite, schlägt er mit Pech den Stuhl durch die Türscheibe oder läuft weg.
    Ich bbin noch auf der Suche.
    Mit dem , was im Gehirn der Wüteriche vorgeht , hast du dich bestimmt befasst, oder?
    Mir hilft so ein Wissen weiter.
    Natalie

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    • Hallo Natalie,
      ja, mit dem Gehirn habe ich mich befasst, aber vor allem wirklich mit den Bedürfnissen und ich versuche auch immer wieder zu hinterfragen, was ein Kind in ihrem Alter eigentlich schon kann – und mich daran zu erinnern, wie viel sie wohl in den Stunden vor dem Wutanfall schon kooperiert hat.
      Allerdings klingt Dein Wüterich wirklich ncohmal eine Nummer krasser als das Löwenmädchen!
      Ich wünsche Euch, dass Ihr bald geeignete Strategien findet!

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  3. Oh das ist eine echt schöne Idee! Toll, dass ihr diese schöne Strategie für den Umgang mit der Wut gefunden habt. Wenn bei uns solche Situationen auftreten, werde ich mich hoffentlich daran erinnern und mich nochmal von dir inspirieren lassen. Mich erinnert dein Pulli übrigens ein wenig an den „Sorgenfresser“; kennst du den?

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    • Ja, die Sorgenfresser kenne ich! Die stehen auch schon lange auf unserer Wunschliste. Generell suche ich gerade nach einer Strategie/einem Hilfsmittel, damit das Löwenmädchen auch ohne mich seine Wut kanalisieren kann! Danke für den Tipp!

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