Auf Schulsuche II: Die Außenklasse

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Guten Morgen, Ihr Lieben!

Bevor ich mit meinem heutigen Bericht aus der Außenklasse starte, möchte ich auch hier noch den Nachtrag zu meinem letztzen Artikel einfügen, den ich gestern geschrieben habe:

NACHTRAG: Eine aufmerksame Leserin hat mich zu Recht daraufhingewiesen, dass hier in Baden-Württemberg die Förderschulen die Schulen für Schüler mit Lernbehinderung sind. Schulen für Kinder mit geistiger Behinderung heißen SBBZ (Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum), werden aber meist noch als Sonderschule bezeichnet. Ich habe nun in meinem Text den Begriff Sonderschule benutzt (anstatt wie vorher fälschlicherweise Förderschule), damit auch die Leser aus den anderen Bundesländern wissen, welche Schulart ich meine. Ich muss auch leider zugeben, dass ich eigentlich weiß, wie die korrekten Bezeichnungen sind, es aber immer wieder verdränge. Denn wenn man die Schulformen beim Wort nimmt, heißt es ja: Förderschüler (also mit Lernbehinderung) werden auf der Förderschule „gefördert“, Schüler mit geistiger Behinderung werden im SONDERpädagischen Bildungs-und Beratungszentrum (ab)“gesondert“ – weiter weg von Inklusion geht es ja auch sprachlich nicht mehr. Wahrscheinlich möchte mein Unterbewusstsein deshalb diesen Begriff nicht verwenden! 😉

Wie ich Euch schon erzählt habe, gibt es hier in Baden-Württemberg die sogenannten Außenklassen, fälschlicherweise oft auch Inklusionsklassen genannt: Diese Klassen gehören formal zur Sonderschule, sind aber an eine „normale“ Grundschule ausgelagert. Ziel der Außenklassen ist es, das Miteinander von Schülern mit und ohne Behinderung zu fördern. So findet der Unterricht teilweise gemeinsam mit einer „Kooperationsklasse“ der Regelschule statt, die Pausen werden gemeinsam verbracht und häufig werden auch Projekte initiiert. Häufig heißt es, dass das Lernniveau in einer Außenklasse etwas höher sei als an der Sonderschule und der Ablauf insgesamt verschulter. Ich bin gespannt, wie es in Wirklichkeit aussieht!

Vor einigen Monaten rief ich also bei derSonderschule an, um zwei Termine auszumachen: eine Hospitation in derSonderschule sowie eine in der Außenklasse. Da ich generell ein sehr offener und direkter Mensch bin, sage ich auch schon am Telefon, dass meine Wunschlösung eigentlich Inklusion ist, ich mir aber auch ein eigenes Bild von den anderen Möglichkeiten machen möchte. Die Schulleiterin setzt mich daraufhin in Kopie der E-Mail an die Klassenlehrerin der Außenklasse. Dort lese ich wörtlich: „Frau X. hat einen Jungen mit DS, der nächstes Jahr bei uns eingeschult wird.“ Ich fühle mich ein wenig überfahren (und habe, wie so oft beim Thema Schule, das Gefühl, nicht gehört bzw. nicht wahrgenommen zu werden), vereinbare aber trotzdem einen Termin zur Hospitation.

Um 8 Uhr 30 beginnt in der Außenklasse der Unterricht, ich bin bereits einige Minuten vorher da. Ich wundere mich, dass keine Schüler auf dem Schulhof oder in der Pausenhalle zu sehen sind. Erst später wird mir klar: Die „normalen“ Schüler beginnen ihren Unterricht bereits um 8 Uhr. Vor der Schule haben die Außenklassenschüler also schon einmal keine Gelegenheit, Kontakt zu nichtbehinderten Schülern aufzunehmen. Auch ein gemeinsamer Schulweg ist nicht möglich, da natürlich für die Zeit zwischen dem Schulbeginn der Regelschüler und dem der Sonderschüler keine Aufsicht da ist.

Der Unterricht beginnt. Ich bin sehr angenehm überrascht von der ruhigen, konzentrierten Lernatmosphäre, die in der Klasse (Klassenstufe 4) herrscht. Alle 6 Schüler können selbständig arbeiten, alle Schüler können schreiben und lesen unbekannte Texte frei vor. Durch diese angenehme Lernatmosphäre können die Lehrkräfte natürlich auch entsprechend differenzieren. Während die Schüler ihre Arbeitsblätter bearbeiten, studiere ich den Stundenplan und den der Kooperationsklasse und stelle fest: Gemeinsamen Unterricht gibt es nur in Sport und Religion. Alles andere ist laut der Lehrkraft in einer vierten Klasse nicht mehr möglich, da die Schere zu weit auseinandergeht. Hm.

Die Frühstückspause verbringen die Sonderschüler in ihrem Klassenraum und frühstücken mit den Lehrkräften. Die Stimmung ist gut, man merkt, dass die Klasse sich gut kennt und es einen starken Zusammenhalt gibt (das habe ich inzwischen auch von einigen Eltern gehört, deren Kinder eine Außenklasse besuchen).

Nach der Pause geht es mit dem Unterricht weiter: Die Kinder dürfen zum Religionsunterricht ihre Kooperationsklasse besuchen und kehren danach alle mit einem selbstgemalten Bild zurück. Da dies ja nur eine Momentaufnahme ist, versuche ich, dies nicht allzu sehr zu beurteilen 😉 Während die Schüler mit einer der beiden Sonderpädagoginnen am Religionsunterricht teilnehmen, berichtet mir die Klassenlehrerin sowohl von der Außenklasse als auch von ihren Erfahrungen mit der Einzelinklusion (von der sie mir abrät). Die Schüler arbeiten in der Außenklasse ausschließlich mit den Materialien der Sonderschule, u.a. mit der dort üblichen Rechenmethode. Der Löwenjunge dürfte also weder in der Außenklasse noch in der Sonderschule das Rechenprogramm anwenden, das speziell für Menschen mit Downsyndrom entwickelt wurde und mit dem er sehr gut zurecht kommt. Er würde auch in der Außenklasse nicht von den „normalen“ Arbeitsmaterialien profitieren, oder nur in den ersten beiden Schuljahren.

Nach den Lerninhalten erzählt mir die Lehrerin vom Tagesablauf. Wegen des Lehrermangels wurden in der Außenklasse einige Stunden gekürzt. Die Schule beginnt also für die Förderschüler um 8h30 und endet von Montag bis Mittwoch um 13Uhr20. Donnerstags und freitags endet die Schule sogar schon um 12 Uhr. Auf meine Frage, ob die Sonderschüler den schuleigenen Hort besuchen, ernte ich einen überraschten Blick und ein halbherziges „Da müssten Sie erstmal im Hort fragen, ob die behinderten Schüler dort überhaupt angenommen werden! Das gab es hier noch nie!“ Es wäre jedoch möglich, die Nachmittagsbetreuung an der Sonderschule zu nutzen – dazu würden dann die Schüler mit einem Fahrdienst an der Grundschule abgeholt und zur Sonderschule transportiert. Ohne eine außerschulische Betreuung könnte ich jedenfalls meinen Beruf so nicht mehr ausüben.

Ich mag die direkte Art der Lehrerin und auch ihre strenge, aber herzliche Art, mit den Schülern umzugehen. Das Leistungsniveau beeindruckt mich sehr. Dennoch lässt mir die Frage nach dem sozialen Miteinander und dem Kontakt zu den nichtbehinderten Schülern keine Ruhe. Die Lehrerin sagt mir klipp und klar, dass sie noch nie erlebt hat, dass ein Schüler der Außenklasse zu einem Kindergeburtstag außerhalb der Außenklasse eingeladen war. O-Ton: „Wenn Sie Inklusion wollen, müssen Sie das selbst organisieren, über Freizeitaktivitäten und ähnliches!“ Ich frage trotzdem noch einmal nach: Kein Kontakt vor der Schule wegen unterschiedlicher Zeiten. Frühstückspause getrennt (die Sonderschüler brauchen länger zum Essen, erklärt mir die Lehrerin). Große Pause gemeinsam, genau wie Sport und Religion. Alle anderen Fächer getrennt, da gemeinsames Unterrichten durch die großen Leistungsunterschiede nicht möglich ist. Im Hort gab es noch nie Schüler der Außenklasse. Ich angele nach einem letzten Strohhalm: „Aber das Mittagessen nehmen die Kinder doch gemeinsam ein, oder?“ Die Lehrerin lacht: „Nein, im Speisesaal ist kein Platz für die Sonderschüler. Wir gehen um 12 Uhr immer mit einem Servierwagen zur Kantine, holen unser Essen und essen dann gemeinsam im Klassenzimmer. Das ist sowieso viel gemütlicher, im Speisesaal ist es viel zu laut.“

Ich fahre mit gemischten Gefühlen nach Hause. Lange halte ich daran fest, dass das Leistungsniveau und die Arbeitsatmosphäre genau dem entsprechen, was ich mir für den Löwenjungen wünsche. Zwei Nächte schlafe ich schlecht, habe ein flaues Gefühl im Magen und kann erst nach 2 Tagen verbalisieren, was mich umtreibt: Der Löwenjunge würde vielleicht an dieser Schule Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Er würde aber vor allem lernen, dass er in der Kantine nicht erwünscht ist. Dass es „so etwas“ wie ihn im Hort noch nie gab. Dass er zwar viel lernen kann, aber trotzdem nicht zu den anderen gehört.

Fast noch schlimmer finde ich aber, was die nichtbehinderten Schüler an dieser Schule lernen: „Der Junge da hinten, mit den mandelförmigen Augen und der Brille, das ist einer aus der Außenklasse. Die können noch nicht mal mit uns zusammen essen. Für unseren Unterricht sind sie auch zu doof. Manchmal kommen sie zu uns in den Religionsunterricht, dann malen wir ein Bild. Die haben auch keine Freunde, auf dem Schulhof sind sie immer allein. Warum sollte ich den denn zu meinem Geburtstag einladen?“ (verzeiht mir die überspitzte Darstellung)

Und damit ist für mich die Entscheidung gefallen: Ich kann mein Kind nicht an eine Schule geben, die de facto die Schüler in zwei Klassen einteilt. Der Löwenjunge gehört bisher sowohl im Kindergarten als auch in der Freizeit einfach nur dazu – es zerreißt mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, wie er am Speisesaal sein Essen abholt und dann in sein Klassenzimmer zurückkehren muss, weil er dort nicht erwünscht ist. 

Und jetzt? Die Sonderschule habe ich ausgeschlossen, die Außenklasse verbietet sich mir,  die örtliche Grundschule hat vor den schlechten Bedingungen der Inklusion kapituliert. Das Schulamt ist nicht in der Lage, mir vor April mitzuteilen, welche Grundschule im Rahmen von 30km um unseren Wohnort herum bereit wäre, den Löwenjungen aufzunehmen. Sicher ist nur: Es wird an keiner Grundschule unserer Kleinstadt sein. Außer unserem Antrag auf inklusive Beschulung ist mir nur ein weiterer Antrag bekannt. Inklusive Beschulung würde also für den Löwenjungen heißen: Neuer Ort, neue Mitschüler, mehr oder weniger weiter Fahrtweg. Für die neuen Mitschüler wäre er wohl der Junge, der immer mit einem Erwachsenen (=Integrationshelfer) rumhängt und schon allein dadurch komisch ist. Ist es das, was ich mir für den Löwenjungen wünsche? Und ist es das, was ich mir unter gelungener Inklusion vorstelle?

Wie es im Leben aber manchmal so ist, öffnet sich manchmal eine Tür, die man vorher gar nicht wahrgenommen hatte – und manchmal muss man vielleicht den vorgegebenen Weg verlassen, um zu seinem Ziel zu kommen. Welche Tür das bei uns vielleicht ist, berichte ich Euch nächste Woche!

Macht es gut!

 

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

 

8 Gedanken zu „Auf Schulsuche II: Die Außenklasse

  1. Wie traurig ist das, was du da beschreibst… und so bedrückend zu lesen. Und ich sehe es genauso wie du: Es ist kein wirklicher Gewinn für den Löwenjungen, wenn er zwar Schreiben und Lesen lernt, aber ein Kontakt zu Kindern ohne Behinderung offenbar nicht als wünschenswert angesehen und schon gar nicht gefördert wird. Dieses soziale Eingebundensein war für uns bisher auch der Hauptgrund, nicht die Schule zu wechseln, auch wenn wir in Kauf nehmen, dass die Vermittlung von Lesen und Schreiben nur über das Elternhaus läuft. Gibt es denn in eurer Nähe keine Montessorischule? Wir haben dort im Grundschulbereich sehr gute Erfahrungen gemacht – Inklusion gehört gewissermaßen zum Konzept.

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    • Liebe Doris,
      doch, glücklicherweise gibt es auch hier Montessori-Schulen – darüber werde ich nächste Woche berichten! Leider höre ich hier überall, egal ob Außenklasse oder Inklusion, dass die Kinder mit Behinderung nicht wirklich integriert sind, nicht zu Geburtstagen eingeladen werden etc.

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  2. Oh je, das war ja dann kein so gelungenes Beispiel von einer Außenklasse… Bei uns (auch Ba-Wü) läuft es mit den Aussenklassen i.d.R recht gut (was ich so höre) Joshua ist allerdings in der Stammschule (sorry, er ist ja gar nicht in der Schule er ist in einem Bildungszentrum 😉 Ich kenne Kinder die in der Aussenklasse auch recht weit mit dem Stoff mitgehen (bei Joshua der noch gar nicht viel Sprache hat wäre das wahrscheinlich nicht der Fall 😦 ) … Er ist dafür in der Freizeitgestaltung in allen Vereinen inklusiv dabei. Ich hatte mir das mal ganz anders vorgestellt… allerdings liegt bei uns die Stammschule fast vor der Haustür, in eine Ausssenklasse hätte er auf jeden Fall auch weiter weg gemußt, das ist für mich dann auch nicht wirklich Inklusion…

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    • Das finde ich sowieso das Problematische hier: Dass wohnortnahe Beschulung hier in Ba-Wü bis zu 30km vom Wohnort wegliegen darf. Hier sind im nächsten Umkreis 3 Regelgrundschulen, da kennt mein Sohn die Schüler, zu einer könnte er mi Begleitung bzw. in Gruppen mit anderen Schülern zu Fuß gehen – aber diese Schulen bieten keine Gruppeninklusion an und kommen daher nicht in Frage. Und ihn 30km weit zu fahren, ist für mich keine Inklusion bzw wohnortnahe Teilhabe!

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  3. Pingback: Inklusionmodelle: Die Außenklasse – mit dem Bericht der Löwenmama! – Fix und Fraxi

  4. Pingback: Auf Schulsuche III: Die integrative Montessorischule | Kleinstadtlöwen

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