Türchen 24: Yara und Glück

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Es ist soweit, liebe Leser!

Wir öffnen das letzte Türchen in unserem Inklusionsadventskalender. Zum Abschluss habe ich heute einen Bericht aus Brandenburg für Euch, und zwar über die inklusive Beschulung von Yara, 7 Jahre. Yaras Mutter Ariane hat für uns aufgeschrieben, wie ihr bisheriger inklusiver Weg verlaufen ist und warum sie auch heute noch glücklich über die inklusive Beschulung von Yara sind – auch wenn es dabei einige Hindernisse zu überwinden galt (und gilt).

Ein positiver Inklusionsbericht für den Adventskalender

Ich weiß gar nicht so genau, ob es sich um einen positiven Inklusionsbericht handelt, was ich gleich schreiben werde. Wie immer hängt die Stimmung davon ab, von welcher Seite aus man es betrachtet und wie man emotional gerade so drauf ist. Zum Glück bin ich meistens sehr positiv drauf.

Yara ist das vierte von fünf Kindern und hat uns mit ihrem Extra überrascht. Nachdem ich aber gemerkt habe, dass ich weder meinen Job, noch meine Tiere aufgeben und auch meine anderen Kinder nicht vernachlässigen muss, mein Leben also doch nicht zu Ende ist, ging unser Leben weiter wie bisher. Na gut, man musste dem einen oder anderen genauer erklären, was los ist. Dem anderen oder einen erklärte man auch, dass man ihm bzw. ihr ab sofort nichts mehr erklären will. Und man musste seine Zeit nun noch besser einteilen, um sich Erfahrungen, Meinungen, emotionale Erklärungen und bescheuerte Ansichten von Therapeuten, Ärzten, Therapeuten, Beamten und Eltern anzuhören, die plötzlich für uns „zuständig“ waren. (Manchmal auch alles in einer Person.)

Ansonsten ist unser Leben seitdem immer noch ganz normal. Soweit man als Familie mit 5 Kindern, 3 Hunden, 30 Schafen usw von „normal“ reden kann. Wir konnten von Glück sprechen, dass Yara in dieselbe Kita wie ihre drei Brüder gehen durfte. Glück, dass uns die Erzieher schon kannten und sich (die meisten) dieses „Experiment“ zutrauten. Ansonsten ist das hier bei uns kaum möglich, da wir „dafür ja eine (weit entfernte) Integrationskita haben“. Und was für ein Glück, dass Yara in der Kita auch keine Extrahilfe brauchte und somit als Regelkind wie alle anderen lernen durfte. In jahrgangsübergreifenden Gruppen, in denen sie nicht wirklich auffiel im Gegensatz zu manach anderem Kind und Elternteil. Glück, weil sie eine Hilfe hier nicht bekommen hätte (Integrationskitas, ihr wisst schon).

Yara war also vollkommen inkludiert, hatte ihre eigenen Freundinnen und Freunde und durfte sogar völlig problemlos eine Extrarunde in der Kita drehen, um dann im letzten Jahr eingeschult zu werden. Nachdem wir den Einschulungsvorgang mittlerweile dreimal hinter uns hatten, war es diesmal was ganz Besonderes, so wie Yara eben. Mit Sonderpädagoge, Schulleitergesprächen und Förderausschuss. Mit Schulwahl ein Jahr im Voraus und der Erkenntnis: hurra, es gibt tatsächlich sowohl die Möglichkeit, an die Regelschule zu kommen, als auch private Schulen.

Na gut, die Regelschule, auf der wir seit über 10 Jahren aktive Elternarbeit leisten, hat klar und deutlich (durch die Blume und schon gar nicht offiziell) zu verstehen gegeben, dass Yara da nicht hinpasst. Na, was für ein Glück, dass wir uns sowieso schon für eine 30 Minuten entfernt gelegene private Schule entschieden haben und entscheiden konnten. Eine Schule, die mit dem Montessoriansatz arbeitet und Inklusion lebt.

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Was für ein Glück, dass Yara erst an vierter Stelle bei uns ankam!! Der Schulleiter hatte gerade erst gewechselt und zusammen mit dem Hort und der Kita ein großartiges inklusives Konzept auf die Beine gestellt. Zusammen mit einem zweiten Jungen ist Yara die erste mit DS, die dort eingeschult wurde. Na gut, gegen den Landkreis klagen wir halt (schon in zweiter Instanz), weil dieser der Meinung ist, dass Yara keine Schulbegleitung braucht. Andere Kinder „müssen ja auch erst lernen, sich zu konzentrieren und die erste Klasse ist ja sowieso wie Kita.“

Vielleicht sind die Stunden aber auch nur alle, weil der andere Junge ja schon ca. 40 Stunden bekommen hat. Zeit ist halt Mangelware.

Ok, diese Begutachtung durch Richterin, 2 Landkreistanten und unserer Anwältin, die einen Tag in der Schule mitgelaufen sind, um zu prüfen, ob Yara nicht doch genauso ist, wie Kinder ohne Down Syndrom war emotional wirklich anstrengend. Aber wiederum zum Glück sind wir rechtsschutzversichert! Und noch mehr Glück haben wir, denn Yara geht seit fast 4 Monaten in die Schule und während der Eilantrag zur Kostenübernahme läuft, könnten wir normalerweise niemanden bezahlen, der Yara in der Schule unterstützt. Und gerade der Übergang in die Schule ist nicht einfach.

Aber wie gesagt, zum Glück haben wir ja einen 19 jährigen Sohn, der auf seinen Studienplatz wartet. Seit fast 4 Monaten geht er mit Yara als Schulhelfer in die Schule und macht es prima. Ok, Yara findet es nicht ganz so super, sich von ihrem großen Bruder Dinge sagen lassen zu müssen, aber zum Glück (schon wieder!) haben wir eine so tolle Lehrerin und Erzieherin.

Yara in der Schule: wie wunderbar toll so etwas laufen kann, hätte ich nicht zu hoffen gewagt. Und ich ärgere mich doch ab und zu, dass es 3 Söhne gebraucht hat zu erkennen, dass es wunderbare Alternativen zu schlechten Regelschulen gibt. Dass es motivierte Lehrer/innen gibt, die konsequent und dennoch liebevoll eine Klasse mit Kindern von der 1. bis zur 4 Jahrgangsstufe unterrichtet. In einem Raum! In dem jedes Kind an der Aufgabe arbeitet, an der es arbeiten möchte. Leise! Dass es einen Schulraum gibt, in dem ein Teppich liegt. Für den Morgenkreis, in dem jedes Kind erzählen darf, wie es ihm heute geht, in dem Rituale dazu führen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen zu lassen. In dem liebevolles Rückenkrabbeln Normalität ist und Lob und Motivation den Hauptanteil der Kommunikation ausmacht. Dass es einen Flüsterfuchs nicht braucht und Kinder schon ab der ersten Klasse selbst einschätzen können, wie gut sie am Tag gearbeitet haben. Und dass es möglich ist, dass größere Kinder den Kleineren helfen und kleinere Kinder den Größeren ebenfalls.

Was bin ich froh, über das Glück, dass wir haben. Und manchmal etwas traurig, wenn ich darüber nachdenke, wie viele Familien das Glück unserer Umstände nicht haben.

 

Liebe Ariane, vielen Dank, dass Du Euer Glück mit uns teilst!

Damit endet unser Inklusionsadventskalender – und ich möchte Euch allen ganz herzlich danken – fürs Mitschreiben, Mitlesen und Mitfreuen! Ich hoffe, dass Euch diese vielen positiven Berichte genau wie mir Mut gemacht haben – mir haben sie auf jeden Fall noch einmal ganz deutlich gezeigt, dass Inklusion möglich ist, wenn die Einstellung der beteiligten Personen und die Rahmenbedingungen stimmen. DANKE dafür! Das war nach den eher ernüchternden Erlebnissen hier vor Ort genau die richtige Ermutigung!

Ich habe viele positive Rückmeldungen zu dieser Reihe bekommen, so dass ich beschlossen habe, sie im neuen Jahr unter der Rubrik „Inklusionsberichte“ weiterzuführen. In dieser Rubrik möchte ich mich auch nicht auf die schulische Inklusion beschränken, sondern freue mich auch über Berichte aus dem Kindergarten, der Freizeit oder der Arbeitswelt. Und, ganz wichtig: Auch Berichte über nichtgelungene Inklusion sollen hier ihren Platz haben. Mir liegt es am Herzen, auch das zu zeigen, was (noch) nicht funktioniert. Schön fände ich es auch, wenn wir noch mehr Berichte von Kindern mit anderen Behinderungen/Beeinträchtigungen veröffentlichen könnten. Sehr gerne könnt Ihr mir Eure Berichte per E-Mail senden!

Außerdem habe ich noch einige andere Ideen, wie ich das Thema Inklusion weiter verfolgen könnte – lasst Euch überraschen!

Nun werde ich mich in eine kurze Weihnachtspause zurückziehen und zwei Wochen mal nicht an Inklusion, Schulsuche, Gutachten etc. denken, sondern einfach nur Zeit mit meinen lieben Löwen verbringen. Wie unser erstes gemeinsam-getrenntes Weihnachten-Silvester gelaufen ist, erfahrt Ihr dann im neuen Jahr!

Neben den „normalen“ guten Wünschen für Weihnachten und das kommende Jahr möchte ich gerne Arianes Worte aufgreifen und Euch allen Glück wünschen:

  • den Familien das Glück, die richtige Schule mit der richtigen Einstellung und den richtigen Rahmenbedingungen für ihre Kinder zu finden,
  • den Lehrkräften und Integrationshelfern das Glück und den Mut, Inklusion erleben und begleiten zu dürfen,
  • den Entscheidungsträgern und Politikern das Glück, Weichen stellen zu können für eine neue Schulpolitik, die jedem einzelnen gerecht wird,
  • und natürlich vor allem den Kindern das Glück, gemeinsam zu leben und zu lernen – jeder nach seinen Möglichkeiten.

 

Lasst es Euch gut gehen über die Feiertage!

 

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

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