Türchen 15: Claudia und Elena

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Hallo Ihr Lieben,

während bei uns die Vorbereitungen für den Fußball-Kindergeburtstag auf Hochtouren laufen, dürft Ihr Euch heute morgen noch einmal über ein ganz besonderes Türchen freuen: Claudia aus der Schweiz erzählt uns, wie sie als Klassenlehrerin die Inklusion von Elena in der 5. und 6. Klasse erlebt hat. Lest selbst:

Viele, viele bunte Smarties, ich mitten drin als Lehrerin einer ungewöhnlichen Klasse voller Potenzial und Einzigartigkeit jedes Einzelnen. Als Klassenlehrerin durfte ich im 2006 eine 5./6. Klasse in allen Fächern begleiten, unterstützen und unterrichten und ich war mir von Anfang an bewusst, das wird meine grösste Herausforderung ever. Mit Hilfe einer Heilpädagogin, welche für 11 Lektionen in meiner Klasse mit mir zusammen wirkte und viel bewegte, rockten wir zwei unglaublich bereichernde und intensive Jahre voller ups and downs. Diese 11 Lektionen bekam ich aufgrund der großen Leistungsspannweite oder andere würden sagen aufgrund der vielen Defizite dieser Kinder. Ok, dem war nicht wirklich so… Klar, es war eine durchmischte Kinderschar mit Lernbehinderungen, Verhaltensauffälligkeiten sowie Hochbegabung und ja, da war noch dieses zierliche, kleine, fröhliche und selbstbewusste Mädchen mit Downsyndrom, welches sich alles andere als behindert sah, denn sie konnte ja lesen, schreiben, laufen, malen, sich bewegen und vieles mehr. Schon mit dieser Bemerkung sollte einem als Lehrperson klar sein, dass es unglaublich wichtig ist, Kinder mit Downsyndrom nicht unter Gleichgesinnten zu verstecken, abzuschieben, sondern durch möglichst viel Normalität den Schulalltag erleben zu lassen und durch Vormachen Nachahmen zu fordern und zu fördern. Klar, Elena, so hieß das Mädchen mit Downsyndrom, konnte in den Fächern Mathematik und Deutsch nicht wirklich mithalten. Sie bekam eigene, ihr angepasste Aufgaben und bewegte sich im Stoffbereich der 1./2. Klasse. In den Fächern Zeichnen, Schwimmen, Musik, Turnen, Mensch und Umwelt …. war sie relativ gut mit dabei. Elena las einfache Sätze, verstand einfache Aufträge und führte sie aus, nahm an Partner- sowie Gruppenarbeiten teil, präsentierte Vorträge und war auch an Ausflügen mit dabei. Elena freute sich am Schulunterricht teilzunehmen, liebte ihre Klassenkameraden/innen und ließ ihrem Authentisch-Sein freien Lauf. War ihr etwas zuwider, teilte sie es mir mit und sagte mir auch direkt ins Gesicht, wenn sie mich blöde fand. So war ich gefordert, mich und meinen Unterricht zu reflektieren, denn ihre Botschaften waren immer klar und doch von Herzen. Im gleichen Atemzug umarmte sie mich wieder und nannte mich “ ihren Schatz“.
Es tönt jetzt alles so easy und rosarot, was aber nicht immer so war. Auch ich als Lehrerin war gefordert, Elena und den andern Kindern gerecht zu werden und sie in ihrem Potenzial zu fördern und fordern. Dank der heilpädagogischen Unterstützung wurde ich auch kompetent entlastet und begleitet von spezifischem Fachwissen.
Elena fiel nicht wirklich aus dem Rahmen, da die Klassenkonstellation eh schon außergewöhnlich war. Das Trotzen und Verweigern von Arbeiten war anfänglich für mich eine Herausforderung, jedoch erinnerte ich mich an die Worte von Elenas Mutter: Ich solle Elena nicht einen Sonderzug fahren lassen, sondern wie alle andern Kinder behandeln. Elena sei schlau und merke schnell, wen sie um den Finger wickeln könne. War ich froh, dass die Eltern mit mir zusammenarbeiteten, wir zusammen in einem Boot saßen und alle ihr Bestmögliches gaben. In den unteren Klassen kam es oft vor, dass Elena wie ein totes Huhn auf dem Boden lag, trotzte und alles verweigerte… dies erlebte ich nur zweimal und sie merkte schnell, woher der Wind wehte bei mir im Schulzimmer.
Ich übte mich im konsequent und klar sein, denn war ich es nicht, wurde ich darauf aufmerksam gemacht, weil Elena sich dann dementsprechend verhielt. Eine klare Struktur und gleichbleibende Rituale erleichterten ihr den Schulalltag. Meine Klasse war durch diese kunterbunte Durchmischung voller Akzeptanz und Toleranz untereinander und miteinander. Jeder durfte sein wie er war und Elena wurde in der Klasse wunderbar integriert, was sicher der Erfolg einer gemeinsamen Zeit vom Kindergarten an war. Die Vorarbeit der vorherigen Lehrpersonen – entsprechend konsequent sein, strukturierter Unterricht und die Bereitschaft, Elena in der Klasse zu integrieren – half, dass Elena sich sehr gut zurecht fand und sich gut entwickeln konnte.
In der 5. Klasse war auch das Thema Weglaufen nicht mehr aktuell, was alles vereinfachte.
Elena brauchte wie alle andern Klarheit, Struktur, Herzlichkeit und Offenheit, um optimal in ihrem Lernprozess vorwärts zu kommen. Ich blicke heute noch unglaublich gerne zurück, denn Elena zeigte mir täglich, was im Leben wichtig ist. War ich als Lehrerin wieder mal zu schnell unterwegs, stoppte sie mich bewusst mit nicht zuhören, seelenruhig und nägelkauend auf ihrem Stuhl sitzen sowie Luftlöcher starren. Klares Feedback an mich… sei langsamer und im Hier und Jetzt. Ihr natürliches und ehrliches Wesen half mir immer wieder, mich und meinen Unterricht zu reflektieren, Neues auszuprobieren und mich weiterzuentwickeln. Alles in allem waren es zwei meiner besten Schuljahre und ich möchte sie auf keinen Fall missen. Ein Filmemacher filmte mich und meine Klasse über ein halbes Jahr und machte daraus einen Dokumentarfilm mit dem Fokus „Integration ist möglich“, denn Elena absolvierte ihre ganze Schulzeit in der ganz normalen Schule.
Immer wieder bin ich zu Tränen gerührt und berührt, wenn ich diesen Film schaue und kann nur eines sagen…. wenn du als Lehrerin die Chance bekommst eine Klasse zu führen mit einem Kind mit Downsyndrom, dann sage mit offenem Herzen JA… du wirst bereichert werden fürs Leben, täglich pure Lebensfreude und Ehrlichkeit spüren und es nicht bereuen.💕
Seit dem 27.8.17 bin ich selber Mama von einem zuckersüßen Jungen mit Downsyndrom und bin gespannt, was alles auf uns zu kommt betreffend Integration, Inklusion – jedoch sehe ich dem Ganzen positiv entgegen.

Herzensgrüsse
Claudia Kollros von «Ich und mein Blog»

Liebe Claudia, vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht aus Lehrerperspektive. Bei deinen Worten geht mir das Herz auf – denn natürlich sagen auch eigentlich alle Eltern von Kindern mit Downsyndrom, dass sie ihre Kinder genauso gut finden, wie sie sind. Gerade nach dem teils doch sehr rauhen Wind, den ich in den letzten Wochen von Lehrern und Behördenmitarbeitern zu spüren bekam, tut es sehr gut zu hören, dass auch „Regelschullehrer“ die Inklusion und die Arbeit mit Kindern mit Downsyndrom zu schätzen wissen. DANKE!

Diejenigen von Euch, die auch bei Facebook sind, können Claudias ganze Geschichte auf ihrer Facebookseite „Ich und mein Blog“ nachlesen. Und wer möchte, darf natürlich auch den Kleinstadtlöwen ein Like schenken.

Kommt gut ins Wochenende! Bis morgen, zum nächsten Türchen,

 

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

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