Türchen 14: die kleine Lady

Guten Morgen am Donnerstag!

Heute habe ich hier im Blog den Bericht über die kleine Lady für Euch, die Ihr vielleicht schon vom Blog „Wir Herdentiere“ kennt. Die Lady ist inzwischen 9 Jahre alt und lebt in Bayern. Hier ist der Bericht ihrer Mutter Christine:

Es gab Zeiten, da fragte die kleine Lady, ob sie ein Mensch sei. Das waren schwierige Zeiten, weil wir als Eltern einfach nicht wussten, woher dieser Gedanke „evtl. kein Mensch zu sein“ denn käme. Wir haben das beobachtet, und es kam immer am gleichen Tag, einem Dienstag. An diesem Tag gab es eine Lehrkraft, von der wir wussten, dass Inklusion nicht ihr Fall ist und sie die kleine Lady hier in dieser Schule als fehl am Platz befindet. Das hat mir schon einmal jemand gesagt, eine Ärztin, die mir dringend riet, dieses Kind in eine Schule für „Ihresgleichen“ zu geben, damit sie Alltagsfähigkeiten lernt. Was anderes würde sie wohl eh nie lernen.

Aber mal von Anfang an. Unsere kleine Lady kam vor gut 9 Jahren auf diese Welt und sie war für uns unsere kleine Tochter (klar war ich auch erstmal geschockt, aber mehr hin und her gerissen zwischen absoluter Liebe und Angst vor dem, was kommt). Und sie sollte wie jedes andere Kind auch in unserer Gesellschaft aufwachsen. Genau aus diesem Grund ging sie in mit zwei Jahren in eine Regelkinderkrippe und im Anschluss in einen Regelkindergarten. In beiden Einrichtungen war sie das einzige Kind mit Behinderung, ein Kind mit anderen Fähigkeiten, was immer für alle ganz normal war.

Dann sollte sie zur Schule gehen, mit 6 Jahren, einfach unvorstellbar, sie war noch soooo klein, knappe 90 cm groß, einfach nur klein und zart und total verspielt. Sie bekam noch ein Jahr Kindsein im Kindergarten und startete dann mit 7 Jahren in die 1. Klasse der ortsansässigen Grundschule mit ihren Kindergartenfreunden. Ganz normal, wie eben jedes andere Kind auch.

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1. Klasse, eine ganz tolle Lehrerin und eine super ehrgeizige Schulbegleitung. Zu den Allerheiligenferien bekam ich die Rückinfo, sie wäre nun auf dem Stand einer Schülerin eines sonderpädagogischen Förderzentrums Lernen Ende 2. Klasse. Für uns Eltern war es wahnsinn anzusehen, mit welchem Eifer sie die Buchstaben und Zahlen schreiben und lesen lernte und im Malwettbewerb den 1. Platz gewann (nein, sie hatte keinen Behindertenbonus, sie hat das Bild alleine gemalt). Klar waren viele Hürden für sie zu meistern, musste sie oft über ihren Schatten springen, aber mit viel Geduld und Kreativität konnte sie am Ende der 1. Klasse ein tolles Zeugnis in Händen halten. Sie trage zum Klassenfrieden bei und trete immer wieder als Streitschlichterin auf. Ist sie krank, wird sie von der Klasse vermisst. Manch Mama schreibt mir im Auftrag des Kindes eine Gute-Besserungs-WhatsApp. Sie ist sehr einfühlsam und eine gute Trösterin.

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Auch in der 2. Klasse überraschte sie uns immer wieder. Plötzlich stand das Lesen ganz oben, die Sprache verbesserte sich enorm. Das Schreiben fiel ihr immer leichter. Texte abschreiben war kein Problem mehr. Das Rechnen ging langsam voran, nachdem wir uns endlich auf die Yes we can-Methode einigen konnten und nicht wöchentlich eine andere Art sich die wunderbare Welt der Zahlen zu erschließen, testen mussten 😉. Sie konnte in der 2. Klasse im Zahlenraum bis 100 addieren, das subtrahieren geht auch so lala. Da müssen wir nochmal ran. Dann kam das Einmaleins….Puuuuhhhh, eine Herausforderung. Irgendwann gaben wir vorerst auf und konzentrierten uns wieder auf die Addition und Subtraktion. Und dann….dann sitzen wir im Basketballspiel und sie zählt die Punkte der gemachten Körbe…..2, 4, 6, 8, …hahhhhhh, das 2er Einmaleins ging also doch!

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Nun ist sie seit einem Vierteljahr in der 3. Klasse mit neuer Lehrkraft. So ein selbstsicheres kleines Mädchen habe ich selten erlebt. Sie geht nun einmal die Woche auch nachmittags in die Sport-AG Basketball der Schule. Selbstständig kümmert sie sich dienstags früh darum, dass ihr Basketballrucksack mit Sportbrille im Auto landet. Auch verabschieden wir uns jetzt am Eingang der Schule und sie geht alleine ins Klassenzimmer in den zweiten Stock. Wow, sie organisiert sich selbstständig. Sie macht ihren Weg, in ihrem Tempo, mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz, einem Selbstbewusstsein und einem Willen, den man bei Kindern in diesem Alter eher selten findet.

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Es tut ihr absolut gut, in dieser Schule, dieser Klasse zu sein. Denn noch immer findet sie Ferien doof und möchte jeden einzelnen Ferientag „Hausaufgaben“ machen. Sie arbeitet gerne, was sehr von Vorteil ist. Die neugewonnene Kompetenz sinnergreifend zu lesen motiviert sie nun noch mehr zu lesen. In Mathe steht momentan Geometrie an. Achsensymmetrie, bzw. Figuren spiegeln. Auch hier hat sie uns überrascht. Sie tut es einfach. In ihrem Tempo, lässt sich dabei weder antreiben schneller zu machen noch in irgendeiner Weise erpressen.

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Ich muss der Ärztin ganz klar widersprechen. Alltagsfähigkeiten konnte sie damals schon, rechnen, schreiben, lesen und soziale Kompetenzen erlernt sie nun als vermeintlich schwächstes Kind an dieser Schule. Vermeintlich, weil sie wunderbare Fähigkeiten mitbringt. Sowas wie Menschlichkeit, Empathie, Akzeptanz des Gegenübers, Ruhe und Gelassenheit, alles zu seiner Zeit zu tun, Charme und Witz und jede Menge seeehr trockenem Humor.

„Die Lehrkraft erklärt ein sehr spannendes Thema, die ganze ist Klasse still, die kleine Lady so fasziniert, dass ihr ein „what the fuck“ rausrutscht…“

Sie bringt ihre Fähigkeiten in diese Gesellschaft ein, ganz selbstverständlich, wie jeder Andere auch – Inklusion einfach.

Vielen Dank, Christine, für Deinen ausführlichen Bericht! Und vor allem für die Erinnerung daran, dass jedes Kind seine eigenen Fähigkeiten hat und sie in die Gemeinschaft einbringt – vor lauter Bildungsplänen und Förderzielen kommt das ja leider häufig viel zu kurz! Ich freue mich schon auf die nächsten Berichte und Bilder der kleinen Lady!

Euch allen einen wunderschönen Tag – ich stecke mitten im Weihnachtsfeier-Marathon, und Ihr?

Viele Grüße,

 

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

 

2 Gedanken zu „Türchen 14: die kleine Lady

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