Türchen Nr. 9: Mattia

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Guten Morgen am Samstag!

Heute erwartet Euch im Blog Mattia aus Nordrhein-Westfalen, der zeitgleich mit dem Löwenjungen eingeschult werden wird. Mattias Mama Elvira hat für uns ausführlich aufgeschrieben, wie ihr bisheriger Weg zur Inklusion aussah. Das ist bisher der längste Bericht, und ich verspreche Euch, die Lektüre lohnt sich – Ihr lest, wie es im Idealfall laufen kann, und vor allem werdet Ihr an jeder Zeile merken, dass Elviras Worte von Herzen kommen. Also nehmt Euch einen Kaffee, ein paar Plätzchen und macht es Euch gemütlich!

Auf dem Weg zum Gemeinsamen Lernen!

Fast zwei Jahre ist es nun her, dass mein Mann und ich die Gespräche mit den Grundschulen in unmittelbarer Nähe und etwas weiterer Umgebung (bis zu 20 km) aufgenommen haben. Es gab den einen oder anderen Moment, in dem wir zunächst einmal dachten “Ohje, das wird aber eine harte Nuss”. Tatsächlich haben wir gelernt, dass keine direkte Euphorie nicht gleich eine Ablehnung ist, sondern einfach ein sehr gutes Abwägen der Möglichkeiten unseres Gegenübers war.

Das Schulamt an sich war gleich positiv und auch für jedes erneute Gespräch offen, egal mit wem ich dort sprach. Ich stieß nie auf Ablehnung, bekam stets zu hören, dass wir als Eltern das Wahlrecht haben und unser Kind sicher am besten kennen würden, dass es aber früh genug wäre, im Sommer 2017 die Gespräche weiter zu führen.

Da mich dieses Thema jedoch einfach nicht los ließ konnte ich gar nicht bis in den Sommer hinein warten. Im Frühjahr 2017 telefonierte ich wieder alle, für uns in Frage kommenden Schulen, ab. Die Bereitschaft mit uns zu sprechen, auch das persönliche Gespräch zu suchen war bei allen Schulleitungen gegeben. So fanden wir uns im April und Mai mit Schulrektoren und Sonderpädagoginnen zusammen. Sprachen über unseren Sohn, durften schwärmen und ihn vorstellen, so wie wir ihn kennen und lieben.

Auf Grund der positiven, aber auch gut überlegten Gesamtstimmung konzentrierten wir uns nun auf zwei Regel-Grundschulen und die Förderschule mit Schwerpunkt Geistiger Entwicklung. Ja, richtig, wir haben uns nicht nur für die Inklusion an einer Regel-Grundschule interessiert. Nein, um wirklich die bestmögliche Entscheidung für unseren Sohn treffen zu können, war es nur eine logische Konsequenz auch die Förderschule zu besuchen, mit der Schulleitung zu sprechen und da die Chancen und Risiken zu betrachten.

Folgende Möglichkeiten hatten wir nun:

  • eine Grundschule in privater Trägerschaft,
  • die Grundschule, an die wir örtlich auch angebunden sind,
  • die Förderschule.

Unser Sohn wurde im Kindergarten von Lehrern, Sonderpädagogen und Schulbegleitern der privaten Grundschule besucht. Man wollte sich ein Bild von ihm machen und nicht einfach nur für oder gegen ihn entscheiden, sondern für und “mit” ihm entscheiden. So habe ich mir das immer gewünscht. Dass unser Sohn gesehen wird, er im Mittelpunkt der Entscheidung steht und nicht ein Gesetz, ein Recht bzw. einfach unser Elternwille.

Im Juni ging es also los. Die ersten konkreten Gespräche mit Aussagen wie “wir möchten Ihren Sohn gerne in unserer Schule aufnehmen”, “bisher haben wir die Schule in eine barrierefreie Schule umgebaut, nun möchten wir aktiv die Inklusion auch im Bereich der geistigen Entwicklung wagen” stimmten uns positiv, aber wir mussten warten bis nach den Sommerferien, bis es weiter gehen konnte.

September 2017 besuchte ich zusammen mit meinem Sohn die Förderschule für Geistige Entwicklung. Es gab so vieles, was mir an der Schule gefallen hat, aber nachdem wir uns ca. 1 Stunde unterhalten, die Schule angeschaut und die Konrektorin sich vor allem auch mit unserem Sohn unterhalten hatte wurde ich gefragt “kennen Sie den Begriff Gemeinsames Lernen” und wurde mit der Aussage “ich  habe Eltern noch nie die Regelschule empfohlen, aber ich habe auch noch kein Kind wie ihn hier sitzen gehabt” darin bestätigt, dass der Weg, den wir mit unserem Sohn gehen wollen, nicht der Falsche sein kann.

Wichtig für mich war zu diesem Zeitpunkt, dass wir keine Einbahnstraße befahren würden. Uns ist klar, dass wir mit dem Tag der Einschulung, wo auch immer dieser sein wird, nicht diese Ruhe haben werden, die da heißt: Jetzt ist er eingeschult, jetzt wird er die nächsten 4 – 5 Jahre dort verbringen. Wir werden ihn immer wieder beobachten und die Gesamtsituation betrachten und schauen, ob die dann getroffene Entscheidung weiterhin Bestand hat oder ob wir noch mal eine Korrektur fahren müssen. Denn eins steht für uns fest, man kann im Vorfeld viel reden, hospitieren und betrachten. Wie es wirklich sein wird, gerade für unser Kind, werden wir aber erst sehen, wenn die Situation eine Alltagssituation für ihn ist und wenn er uns zeigen kann, ob die getroffene Entscheidung dazu führt, dass er glücklich und zufrieden ist und auch etwas lernen kann.

In einem Schulspiel, das über 90 Minuten ging, hat unser Sohn dann ein weiteres Mal in der Grundschule der privaten Trägerschaft für sich gesprochen und wir bekamen sehr schnell positives Feedback. Bereits am 02.10.2017 durfte er dann zur Schuleingangsuntersuchung, in der natürlich festgestellt wurde, dass er einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben wird, aber ebenso wurde festgestellt dass sein Sprachverständnis, seine Arbeitshaltung und das Verstehen und Umsetzen von Aufgaben altersgerecht ist. Das AO-SF-Verfahren* wurde dann auch relativ schnell in die Wege geleitet und auch die ersten Gespräche bzgl. der Schulbegleitung haben schon stattgefunden.

Eine weitere Kennenlern-Stunde hatte er dann Anfang November in der Grundschule, zu dessen Einzugsgebiet wir gehören. Auch hier war die Stimmung nach dieser Kennenlern-Situation sehr positiv und im Grunde genommen fiel uns die endgültige Entscheidung, auf welcher Grundschule wir unseren Sohn anmelden, tatsächlich sehr schwer. Allerdings aus anderen Gründen als ich vor knapp 2 Jahren erwartet hätte. Ich hätte nicht gedacht, dass wir praktisch die Qual der Wahl haben werden, ich hätte viel mehr gedacht, wir müssten darum kämpfen, dass man sich überhaupt bereit erklären wird sich unseren Sohn anzuschauen. Warum das so war, kann ich gar nicht genau sagen, denn eigentlich sind wir von Grund auf positiv gestimmt und haben bisher auch so gut wie keine negativen Erlebnisse gehabt, wenn es darum ging, unseren Sohn im normalen Alltag, in Gruppen mit lauter “Normal-Syndrom-Kindern” zu integrieren.

Nun ist es so, dass wir uns, aus ganz normalen Gründen und nicht aus Gründen, die der Trisomie 21 geschuldet sind, für die private Grundschule entschieden haben, obwohl wir die, ich sage jetzt einfach mal staatliche Grundschule, genauso sehr favorisiert haben. Da die Schule in privater Trägerschaft tatsächlich nur 3 Fahrminuten von uns weg ist und dort auch zwei Kinder eingeschult werden, die unser Sohn seit dem Besuch in der Krabbelgruppe und bei der Tagesmutter kennt, fiel die Entscheidung nun auf diese Schule. Von der Bereitwilligkeit zur Inklusion, der Schulleitung selbst, der Motivation allen Schülern gegenüber, aber auch dem Lernumfeld konnte uns auch seitens des Schulamtes keine besondere Empfehlung ausgesprochen werden. Wir hörten immer wieder nur, das beide Schulen einen super Ruf haben, die Kinder dort sehr gut aufgehoben sind und wir tatsächlich einfach nur die Qual der Wahl haben.

Unser Fazit heute, 9 Monate vor Einschulung:

Bisher sind wir sehr positiv überrascht, wie offen und ehrlich mit der Thematik Inklusion unseres Kindes mit Trisomie 21 umgegangen ist. Zu keiner Zeit gab es eine ablehnende Haltung. So haben wir es uns gewünscht. Natürlich haben wir sehr viel mehr Gespräche geführt, haben mehr Termine als andere Eltern mit ihren Kindern und ja, auch unser Sohn hat das mitbekommen, aber auch da fahren wir bisher immer wieder mit Offenheit und Kommunikation gut. Wir sprechen nicht nur über ihn, ganz wichtig für uns, wir sprechen auch mit ihm. Wo es geht, erklären wir was gerade ansteht, was es für ihn und für uns bedeutet.

Ob es letztendlich die richtige Entscheidung sein wird, ob sich an dieser Entscheidung nochmal was ändern wird, etwas ändern muss, das kann ich heute alles nicht sagen. Aber auch das ist etwas, was ich in den letzten Jahren lernen musste. Wir können versuchen uns bestmöglich vorzubereiten, wir können versuchen im Vorfeld einiges abzuwägen und zu eruieren, aber wir können nie wissen, was im nächsten Moment, am nächsten Tag und erst recht nicht was in 9 Monaten sein wird. D.h. wir haben jetzt im Moment versucht die bestmögliche Entscheidung für unser Kind zu treffen. Alles andere kann uns nur die Zeit zeigen. Ganz wichtig für unser Kind ist, er soll dort, wo er beschult wird, genauso mit offenen Armen und Herzen empfangen werden, wie wir es vor bald 6 Jahren auch gemacht haben und von unseren Familien und unserem Umfeld her kennen. Wenn das gegeben ist, dann sind wir uns sicher, wird er sich weiterhin entfalten können und dabei glücklich und zufrieden sein, so wie es heute der Fall ist. Liebe, Vertrauen und Zutrauen ist die Grundlage unseres Umganges mit unseren Kindern. Ich erwarte natürlich nicht, dass alle Menschen meinen Sohn lieben, aber Zutrauen, Vertrauen und ein offenes Herz ihm gegenüber, wie auch allen anderen Kindern gegenüber, das ist etwas was ich von seinem Umfeld und somit auch von seiner späteren Schule erwarte. Das, so haben wir das Gefühl, haben wir gefunden und zwar an mehreren Schulen. Ich wünsche mir an dieser Stelle, dass dies ganz viele Eltern von Ihren Kindern behaupten können, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, Behinderung, Besonderheit.

Wir schauen der Zukunft weiterhin positiv entgegen.

Liebe Elvira, ich danke Dir von Herzen für diesen Bericht. Am liebsten würde ich ihn an (fast) alle meine bisherigen Gesprächspartner in den Schulen und Ämtern schicken, um ihnen zu zeigen, wie der Weg zur Beschulung eigentlich sein sollte. Und natürlich hast Du – wie so oft – Deine Erwartungen an Mattias zukünftige Schule so perfekt formuliert, dass ich nur begeistert zustimmen kann! Ich wünsche Mattia, dass er in seiner Schule genau das findet, was Ihr Euch für ihn erhofft, und bin mir sicher, dass er weiter seinen Weg gehen wird!

Genießt das Wochenende, liebe Leser!

Viele Grüße,

Eure Kleinstadtlöwenmama

*AO-SF-Verfahren heißt in NRW der Antrag auf die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfes.

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