Auf dem Weg zur Inklusion Teil 4: Die Einschulungsuntersuchung. Nicht.

20171011_174419Liebe Leser,

letzte Woche habe ich an dieser Stelle über den defizitorientierten Blick geschrieben, der immer wieder von außen auf mein Kind gerichtet wird. Heute möchte ich drei Situationen mit Euch teilen, die ich kürzlich erlebt und in denen ich den defizitorientierten Blick stark gespürt habe – eine davon betrifft die Einschulungsuntersuchung des Löwenjungen.

Mein Beitrag letzte Woche wurde sehr oft gelesen und ich habe viele verschiedene Rückmeldungen dazu erhalten – vielen, vielen Dank dafür! Ich denke, dass die Botschaft, die ich mit diesem Text vermitteln wollte, eigentlich überall angekommen ist: Wir sollten unsere Kinder, egal ob mit oder ohne Behinderung, wertschätzend betrachten und uns nicht darauf fokussieren, was (noch) nicht gut läuft. Und auch bzw. gerade wenn uns von außen ein gewisser Rahmen nahe gelegt wird (Wann soll ein Kind alleine schlafen? Was kann ein Kind mit Behinderung voraussichtlich ohnehin nicht erreichen?), ist es auch manchmal an uns, uns davon frei zu machen und uns wieder bewusst zu werden, was für Schätze und Wunder unsere Kinder sind.

Einige Eltern, die auch ein Kind mit Downsyndrom haben, waren sehr erstaunt über meinen Artikel – die einen hatten wunderbarerweise von Anfang an einen positiven, wertschätzenden Blick auf ihr Kind und haben nicht den gleichen Prozess durchlaufen wie ich und viele andere auch, die eine – mehr oder weniger kurze – Zeit nach der Diagnose nur die Defizite gesehen haben. Die anderen fanden meinen Ton traurig und verbittert und hatten den Eindruck, dass sich diese Trauer auf mein Kind bezieht – dem ist aber nicht so, im Gegenteil.

Frustriert bin ich heute Abend aber schon – und zwar über die Steine, die unserem Wunsch nach Inklusion immer wieder in den Weg gelegt werden, und über das Schubladendenken (und dadurch auch über den defizitorientierten Blick), dem ich zur Zeit sehr häufig begegne. Mir ist aufgefallen, dass andere Eltern, die nicht, so wie wir, mitten in einer der Inklusionswüsten Deutschlands leben, dies gar nicht so wahrnehmen – zum Glück!!! Ohne deren positive Berichte über eine gelungene Inklusion, integrierte Kinder mit Behinderung, engagierte Lehrer und Ämter, die offen für neue Wege sind, hätte ich heute bestimmt deutlich weniger Energie und Motivation, mich weiter für Inklusion einzusetzen.

Trotzdem möchte ich heute gerne drei Situationen mit Euch teilen, die für meine momentanen Gespräche einfach typisch sind. Vorab: Keiner der Gesprächspartner kannte mich oder den Löwenjungen persönlich. Keiner der Gesprächspartner hatte irgendwelche Berichte oder Gutachten zum Entwicklungsstand oder den Fähigkeiten des Löwenjungen vorliegen.

Die erste Situation hatte ich hier schon einmal verbloggt: Mein Anruf bei der Grundschule in unserem Einzugsgebiet. Ich zitiere aus meinem alten Post:

Kurze Vorstellung meinerseits und meines Anliegens (Kennenlerngespräch vereinbaren, um zu besprechen ob und wie eine inklusive Beschulung möglich ist)

Schuldirektorin: „Aber wenn Ihr Sohn behindert ist, wird er doch den Schulweg ohnehin nicht alleine gehen können. Dann brauchen Sie ihn doch auch nicht wohnortnah zu beschulen!“

Die Direktorin wusste nur, dass der Löwenjunge behindert ist. Mehr nicht.

Die zweite Situation war mein Anruf im Gesundheitsamt wegen der Einschulungsuntersuchung. In Baden-Württemberg findet diese üblicherweise in 2 Schritten statt: Schritt 1 ca. 1,5 Jahre vor der Einschulung: eine kurze Untersuchung im Kindergarten. Schritt 2 dann ca. ein halbes Jahr vor der Einschulung. Im Frühjahr diesen Jahres wurden alle Kinder des Kindergartens, die zur gleichen Zeit wie der Löwenjunge eingeschult werden, zur ersten Einschulungsuntersuchung eingeladen. Der Löwenjunge nicht. Der Kindergarten erklärte mir daraufhin, dass die Integrativkinder dafür meist einen Extratermin bekämen (und auch von ihren Eltern in die 20 km entfernte nächstgrößere Stadt gefahren werden müssten). Bis heute kam aber nie eine Einladung und da auf der Internetseite des Gesundheitsamtes folgendes vermerkt ist:

Achtung: Haben Sie kein Einladungsschreiben erhalten, müssen Sie sich persönlich an das Gesundheitsamt Ihres Wohnsitzes wenden

habe ich heute mal beim Gesundheitsamt angerufen, um nachzufragen (nicht, dass die Inklusion nachher an einer nicht fristgerecht durchgeführten Untersuchung scheitert! 😉 ). In der Akte ist wohl lediglich vermerkt, dass er das Downsyndrom hat und bereits Eingliederungshilfe erhält. Kommentar der Sachbearbeiterin:

Na, wenn er das Downsyndrom hat, kann er bei der Einschulungsuntersuchung ja eh nicht mitmachen. Er könnte ja die Anweisungen gar nicht befolgen. Deshalb lassen wir bei diesen Kindern den ersten Schritt der Einschulungsuntersuchung einfach aus.

Die Sachbearbeiterin war zwar sehr nett, aber diese Argumentation hat mir dann doch kurz die Sprache verschlagen.

Da ich dann aber schon so richtig im Flow war 🙂 , habe ich auch noch versucht herauszufinden, ob in unserem Landkreis ein Kind mit Behinderung auch dann Anspruch auf Beförderung zur Schule hat, wenn es privat beschult wird (Situation 3). Bei diesem Telefonat – auch diese Dame kannte vom Löwenjungen nur den Namen und das Geburtsdaum – fiel dann irgendwann der schöne Satz: „Ja, Eltern von behinderten Kindern überschätzen ja gern mal die Fähigkeiten ihrer Kinder und wollen sie deshalb nicht auf eine Schule mit Schwerpunkt geistiger Entwicklung schicken.“

Ich lasse diese Beispiele jetzt einfach mal so stehen – und hoffe, dass Ihr diese Aussagen genauso schockierend findet wie ich!

Den restlichen Tag habe ich übrigens mit meinen Kindern verbracht. Mit dem Löwenjungen habe ich das frühe Lesen geübt – er war der „Lehrer“ (seine Worte), ich die Schülerin. Mit Hund und Laufrädern sind wir zum Bäcker gefahren, wir haben gebastelt und die Kinder haben stundenlang Rollenspiele gespielt und getobt. So sieht nämlich der Alltag mit meinem behinderten Kind aus. Ganz normal. Und gleichzeitig der schönste Alltag, den ich mir vorstellen kann.

Also Ihr Lieben, wenn ich zur Zeit manchmal verbittert klinge, denkt daran: Ich meine nicht mein Kind damit. Ich meine die Wände, gegen die ich in dieser Inklusionswüste gerade laufe. Und meinen Humor habe ich auch nicht verloren – er ist zur Zeit nur noch einen Tick zynischer als ohnehin schon. Aber das gibt sich wieder!

Ich grüße Euch aus der Wüste!

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

6 Gedanken zu „Auf dem Weg zur Inklusion Teil 4: Die Einschulungsuntersuchung. Nicht.

  1. Ach, wer Dich kennt, weiß ja, dass Du – wie Du selbst schreibst – eine echte Löwenmama bist, die ihre Kinder liebe- und auch humorvoll erzieht! Und dass zynisch-trockener Humor eben nicht allen gleichermaßen liegt – DAS wussten wir auch schon immer! 😉
    Aber was Du von Schulen und Ämtern berichtest, finde ich bestürzend. Hoffentlich findet sich für den Löwenjungen eine gute Schule, die ihr Glück, dieses tolle Kind zu beschulen, auch zu schätzen weiß.

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  2. Welche Probleme die Menschen wohl haben die dich absichtlich falsch verstanden haben…?
    Ich weiß auf jeden Fall wovon du sprichst.
    Gerade weil viele Menschen noch nicht verstanden haben, dass Behinderung nicht im Kind/Menschen zu finden ist sondern eben in den Erwartungen und Zuschreibungen von Aussenstehenden. Braucht es etwas Welpenschutz, denn wir Erwachsene haben ja auch nur selten etwas mit Menschen mit Behinderung zu tun.
    Glücklicher Weise ist es bei den Kindern in unserer Regelschulklasse anders. Das lässt hoffen. Ich kann erleben dass sie ganz selbstverständlich, unverkrampft und wohlwollend Fragen stellen, sich interessieren und kümmern. Wenn da ein Kind sagt, naja der ist eben auch ein bisschen verrückt, meinen Buben dann in den Arm nimmt und mit ihm Fußball spielt. Dann hat das eine ganz andere Dimension als wie wenn eine Behörde die (Schul-) Wege zur Inklusion finden soll. Plump folgert das dein Sohn ja eh nicht allein zur Schule kommt, wie bitte?
    Letzlich zählt die Haltung, passt diese dann verletzen auch die Worte nicht! Stimmt diese nicht dann diskriminieren schon Gesten!

    Herzliche Grüße an die Löwen

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  3. Guten Abend Kleinstadtlöwenmama,
    bin auf deinen Blog durch deine Vorstellung beim DS-Kongress aufmerksam geworden. Du kamst mir bekannt vor… und als ich ein bisschen in deinem Blog gelesen habe, wusste ich, das wir uns im Oktober in Baiersbronn unterhalten hatten…unter anderem über die Einschulung (und den leckeren Kaffee von der Mühle!).

    Und ich wundere mich immer wieder wie stark die Unterschiede in den einzelnen Bundesländern sind. Hier in NRW haben wir jetzt gerade im Herbst die heisse Phase der Schulwahl hinter uns, nun werden ab Dezember viele Gespräche mit uns Eltern, dem Kindergarten und Test mit unserem Sohn durchgeführt, um den Grad der Förderung zu ermitteln. Leider interessieren da unsere ausführlichen Berichte (Lebenshilfe, Logo- und Heilpädagogik) nicht so richtig.

    Aber ich merke, was für ein großes Glück wir hier haben, dass wir eine Grundschule in erreichbarer Nähe haben, die seit den 90er Jahren inklusiv ist. Viel Gutes haben wir darüber gehört, auch von Eltern mit DS-Kindern. Und trotzdem hatte ich nach der Schulanmeldung und Vorstellung unseres Sohnes vor 2 Wochen richtig Magenschmerzen. Gedanken wie „Wird das unser Kleiner überhaupt schaffen?…überfordern wir ihn nicht total?…sehen wir ihn viel zu sehr durch eine rosa Brille?…haben nicht andere Recht, die ihn auf einer Förderschule sehen“…
    machten mich fertig.

    Deine Erfahrungen mit dem Schubladendenken haben wir auch gemacht. Und auch das ständige defizitäre Denken. Mich verunsichert das und verärgert es gleichzeitig total. Es kostet so viel Kraft. Da hat mich ein Beitrag im Buch von Prof. Zimpel „Trisomie 21“ sehr nachdenklich gemacht. Er berichtete u.a. davon, dass viele Menschen mit Down-Syndrom ein sehr geringes Selbstwertgefühl entwickelt hätten auf grund der Reaktionen der Umwelt. Dass sie also immer nur mit „Regelkindern“ verglichen würden und dadurch das, was sie nicht können, ständig hervorgehoben wird. Mir hat es die Augen geöffnet. Jetzt versuche ich viel klarer die Stärken meines Sohnes zu kommentieren, die Schwächen nur wenig zu beachten oder als Ansporn zu sehen.
    Und es tut so gut!

    Wünsche Dir viel Glück und Kraft auf dem Weg zur Inklusion!
    Lupolina

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    • Liebe Lupolina,
      ich danke Dir für Deine Worte! Jetzt überlege ich schon die ganze Zeit, mit wem ihc in Baiersbronn alles über Kaffee und Einschulung gesprochen habe – da wir bis Ende Oktober wöchentlich dorthin gefahren sind und ich ein Kaffeejunkie bin, waren das einige. Vielleicht magst Du mir ja eine private Nachricht mit dem Namen Deines Sohnes schreiben an: kleinstadtloewen(at)gmail.com – dann kann ich Dich bestimmt auch richtig einordnen!
      Ja, die Aussage von Prof Zimpel hat mich auch berührt (auch Dr. Röhm erwähnt sie in seinem Interview).
      Ich wünsche Euch weiter viel Kraft für die „heiße Phase“ der Schulwahl und Schulvorbereitung!
      Viele Grüße

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