Teil 3: Auf dem Weg zur Inklusion ?!? – Das Gutachten und (k)eine Zahl

Ihr Lieben,

endlich komme ich dazu, Euch weiter über unseren Weg zur Inklusion zu berichten. Wie Ihr ja hier schon lesen konnte, ist dieser Weg in unserer Gegend nicht nur steinig, sondern bisher fast unbegehbar. Die letzten Wochen haben mich deshalb auch sehr viel Kraft gekostet und es blieb keine Energie mehr übrig, Euch hier zeitgleich von allem zu berichten – diverse Erfahrungen und Gespräche musste ich erst einmal sacken lassen und verarbeiten. Nun geht es aber hier endlich weiter!

Wie ich Euch berichtet habe, ist hier das sogenannte „Gutachten zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs“ eine der ersten Hürden auf dem Weg zur Einschulung. Bei diesem Gutachten wird das Kind von einem Sonderpädagogen beobachtet und getestet, es werden – im Idealfall – Gespräche mit dem Kindergarten und den Eltern geführt und am Schluss wird auf dieser Basis ein ausführliches Gutachten erstellt, das festhält, in welchen Bereichen (Motorik, Lernen, soziale-emotionale Entwicklung, geistige Entwicklung) besonderer Förderbedarf besteht.

Das endgültige Gutachten kenne ich noch nicht – die Sonderpädagogin wird es mir im Dezember präsentieren. Aber wir hatten bereits 3 Gespräche, bei denen wir uns ausführlich über den Löwenjungen, seinen Entwicklungsstand, sein Verhalten, seine gesundheitlichen Einschränkungen und seine Förderung unterhalten haben.

Bei diesem Gespräch hat die Sonderpädagogin mir natürlich auch berichtet, wie der Löwenjunge die Testsituationen erlebt hat und wie er bei den Tests abgeschnitten hat.

Jetzt weiß ich, dass er an dem Tag, an dem der Intelligenztest durchgeführt wurde, einen IQ erreicht hat, der einer leichten geistigen Behinderung entspricht. Aufgrund der möglichen Abweichung kann der IQ aber auch niedriger oder höher sein. Jetzt habe ich also eine Zahl, die mir konkret den Grad der Behinderung anzeigen soll. Daraus soll gleichzeitig auch abgeleitet werden, welche Hilfestellungen er braucht.

Diese Zahl sagt aber gleichzeitig so wenig aus über den Löwenjungen. Sie misst nicht:

  • seine Empathiefähigkeit
  • seine unglaublich kluge Art, mit seinem begrenzten Vokabular kurze Geschichten zu erzählen und Quatsch zu machen
  • seinen Humor
  • seine ersten Kochkenntnisse und -geschicklichkeit
  •  seine Konzentrations- und Ausdauerfähigkeit
  • seine Motivation und seinen Ehrgeiz zu lernen
  • seine Anpassungsfähigkeit
  • sein Talent, seine Mitmenschen zu trösten und zu erden
  • seinen Mut
  • sein Lachen
  • seine Ruhe
  • seine Ausstrahlung
  • seine Hilfsbereitschaft
  • seine Selbständigkeit
  • seine Anteilnahme
  • und so vieles mehr, was mein Kind ausmacht!

Ich werde diese Zahl hier nicht teilen. Denn ich möchte nicht, dass jemand den Löwenjungen darauf reduziert. Ich möchte, dass er mit seinem ganzen Wesen gesehen und wahrgenommen wird.

Stattdessen erzähle ich Euch von einem Schüler. Dieser Schüler machte sich mit 14 alleine mit seiner Tante auf den Weg von Syrien nach Deutschland. Er kam in Deutschland in die Schule, in eine Vorbereitungsklasse. Er konnte schon auf Arabisch lesen und schreiben. In der Schule lernte er dann, sich auch auf Deutsch zu verständigen: Er erlernte die Schrift, und kann heute auf Deutsch lesen, schreiben und sprechen. Er integriert sich gut in der Schule, ist bei Lehrern und Mitschülern beliebt. Nach einigen Monaten fiel den Lehrern auf, dass er langsamer lernt als seine Mitschüler. Nach längerer Wartezeit wurden daher bei ihm verschiedene Tests durchgeführt. Auch dieser Schüler besitzt nun ein Gutachten mit einer Zahl. Und zwar mit genau der gleichen Zahl, wie sie beim Löwenjungen steht.

Und diese Zahl hat ihn nicht daran gehindert, seinen Weg zu gehen!

Eure Kleinstadtlöwenmama

 

7 Gedanken zu „Teil 3: Auf dem Weg zur Inklusion ?!? – Das Gutachten und (k)eine Zahl

  1. Meine liebe Löwenmama,

    auch wir haben eine Zahl die uns immer nur kämpfen lässt, einen Genbefund der meinen Jungen bereits mit Vier zu lebenslänglich Behindertendorf verurteilt hat.
    – Mit der Kombi aus Zahl und Diagnose nimmt ihn keine Förderschule für Lernen…! obwohl das die Empfehlung aller Lehrer, Pädagogen und Psychologen war.
    Mein Sohn kann lesen, bis 20 rechnen und einige Sätze formulieren also in Schreibschrift aufschreiben. -Ein Wunder! Nein harte Arbeit, Glück mit der Therapeutin und misstrauen gegenüber den Lehrern, deren Ziel es ist Kinder „Werkstattreif“ und nicht Gesellschaftsreif zu machen…

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      • Ja, echte Inklusion geht für Viele erst richtig gut, nach einem harten Kampf – leider! Dabei wüsche ich allen, das Inklusion im Sinne der UN und so wie es bspw. Frau Andelik und viele Experten beführworten endlich selbstverständlich für alle Kinder wird.
        Aber dieser Kampf ist wohl unser Schiksal, ich sehe es sportlich als eine Herausforderung dieser Zeit! Gerade wenn man rückwirkend die Erfolge sieht.
        Ach ja, unsere begnadete Therapeutin, heißt Frau Anderlik! Ich hab dir heut einen sehr euphorischen Kommentar hinterlassen, als ich das Bild von deinem Bücherstapel gesehen hab. Ohne die Hilfe von Frau Anderlik ware ich ständig bei Fragen stehengeblieben wie: „Kann er das? Oder darf ich ihm das zumuten? Müssen wir da nicht erst noch viel mehr üben?“ Minus- oder bis 100 rechnen und vieles mehr, hätte es in der zweiten Klasse, ohne Frau Anderlik sicher nicht gegeben. Ihr Zutrauen beflügelt uns. Mein Sohn ist acht Jahre alt. War ein Jahr zurückgestellt und in einer Vorschulgruppe bei Frau Anderliks Mitarbeiterin.
        Die Montessori-Therapie von Frau Anderlik (Montessori-Therapie ist leider kein geschützter Begriff) ist für unsere Kinder genau das Richtige! Das allerbeste für Eltern, Kinder und inklusionswillige Therapeuten!
        Herzliche Grüße

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  2. „Grad der Behinderung“ – eine Zahl, ein Messwert der viele Konsequenzen nach sich zieht und so wenig dabei aussagt. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Kinder und Jugendlichen die ganz unterschiedliche „Behinderungen“ haben und bisher waren solche Zahlen für mich absolut Nichtssagend! Sie sagen mir nicht mit was für einem Menschen ich es zu tun habe, nicht welche Vorlieben oder Abneigungen jemand hat, nicht welche Charakterzüge dahinter stecken. So vieles macht uns zu dem was wir sind – da hat eine solche Zahl doch recht wenig Bedeutung.

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    • Danke für Deine Worte! Ja, das stimmt. In unserem Bundesland entscheidet aber leider eine Zahl (hier genauer gesagt der IQ) über die Eintstufung: geistige Behinderung oder Lernbehinderung. Bei Lernbehinderung gibt es beispielsweise keinen Integrationshelfer, denn das Kind hat ja „nur eine Behinderung beim Lernen“…. gleichzeitig wird dadurch auch festgelegt, nach welchem Bildungsplan das Kind unterrichtet wird – sprich, wieviel es in der Schule lernen darf. Das an einer einzigen Zahl festzumachen, finde ich schlimm. Und sowieso, Du hast natürlich völlig recht: Ein Mensch ist viel, viel mehr als eine Zahl!

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  3. Pingback: Auf dem Weg zur Inklusion Teil 4: Die Einschulungsuntersuchung. Nicht. | Kleinstadtlöwen

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