„Und wann denkst Du mal an Dich?“ – Über Attachment Parenting und Selbstfürsorge

Im Internet diskutieren viele gerade einen Artikel auf Zeit Online, in dem eine Mutter ihre persönlichen Erfahrungen mit Attachment Parenting schildert und, überspitzt formuliert, beschreibt, dass sie durch diese „Erziehungsmethode“ fast im Burnout gelandet w.

Mich hat dieseräre Artikel aus zwei Gründen sehr betroffen und traurig gemacht, zum einen wegen der extrem negativen und – meiner Meinung nach – verzerrten Darstellung von Attachment Parenting (ich warte schon gespannt auf den Anruf meiner Mutter, die ohnehin meiner Art der Kindererziehung sehr skeptisch gegenübersteht und in dem Artikel wahrscheinlich alle ihre Ängste bestätigt sehen wird – die Frage im Titel ist dementsprechend auch ein Zitat von ihr). Zum anderen aber auch, weil es mir für die Mutter leid tut, dass sie augenscheinlich die bedürfnisorientierte Lebensweise als so dogmatisch und einengend verstanden hat, dass sie dadurch einem wahnsinnigen Druck ausgesetzt gewesen sein muß.

Ich persönlich habe das genaue Gegenteil erlebt. Für mich war der bedürfnisorientierte Ansatz quasi eine Befreiung:

  • von vielen Glaubenssätzen, die mich die ersten Jahre als Mutter unter Druck gesetzt hatten
  • von den extrem überhöhten Ansprüchen an mich selbst, rundum alles perfekt machen zu müssen
  • von dem Gefühl, jedes nicht normgerechte Verhalten meiner Kinder als persönliches Scheitern meiner Erziehung zu sehen (und nicht normgerechtes Verhalten gab es zu der Zeit bei uns zuhauf, bei einem Kind mit Behinderung und einem Schrei- und Speibaby)
  • von der über einige Jahre hinweg angehäuften Müdigkeit und Erschöpfung, weil ich nie wirklich abschalten und runterkommen konnte (und trotzdem das Gefühl hatte, nichts richtig gut zu machen)

Bei mir kam also, kurz gesagt, erst das Burnout und dann das Attachment Parenting.

Was ich unter Attachment Parenting verstehe und dass ich nicht alle „gängigen Bedingungen“ wie Tragen und Langzeitstillen erfülle – und mich trotzdem damit identifiziere, habe ich ja hier schon einmal beschrieben.

Heute möchte ich aber darauf eingehen, warum ich als Mutter bei meinem Lebensstil eben nicht (bzw. nicht mehr) zu kurz komme. Für mich stehen hier die Bedürfnisse ALLER Familienmitglieder im Vordergrund. Bedürfnisorientiert leben heißt nicht, dass die Kinder von 5 Uhr morgens bis 23 Uhr abends alles bestimmen und alleine entscheiden. Bedürfnisorientiert heißt, immer wieder Kompromisse zu finden und diese auch zu kommunizieren.

Banales Beispiel:

Wenn die Kinder eine Weile lang Kinderlieder im Auto gehört haben, müssen sie dann auch mal durch eine halbe Stunde Depeche Mode. Das entscheide ich dann aber nicht im Alleingang und haue den Kindern auf einmal „Black Celebration“ um die Ohren, sondern ich sage ihnen, dass ich jetzt wirklich eine Kinderlieder-Pause brauche und sie nach meiner Musik die nächste Entscheidung treffen können. Vielleicht ärgert sich dann ein Kind. Das kann ich verstehen – ich würde mich ja auch ärgern, wenn ich zum 123. Mal „Ich bin ein Musikante“ hören müsste. Ich zeige dem Kind auch, dass ich seinen Ärger und Frust verstehe – und spiele es nicht herunter mit einem „Stell dich nicht so an!“ oder ähnlichem.

Ich für mich habe den Eindruck, dass ich, seit ich vermehrt auf die Bedürfnisse der Kinder achte, auch meine eigenen Bedürfnisse einschätzen und berücksichtigen kann. Eben weil ich meine Prioritäten anders setze. Wenn ich merke, dass bei allen die Luft raus ist und die Kinder lieber mit mir ein Buch lesen als danach irgendein tolles, selbst gekochtes Biogemüse unauffällig an den Hund zu verfüttern – dann lesen wir halt ein Buch. Aber wenn ich in dem Moment keine Lust habe, schon wieder „Conni feiert Weihnachten“ zu lesen – dann suchen wir gemeinsam ein anderes Buch aus. Und essen später Nudeln. Mit ohne Soße für das Löwenmädchen. Mit Soße, aber ohne Gemüse für den Löwenjungen. Mit viel Gemüse für mich, weil mir das am besten schmeckt. Und das Gemüse kommt an dem Tag aus dem Tiefkühler…

Das Löwenmädchen tut sich momentan sehr schwer mit dem Einschlafen. Mir ist es aber wichtig, abends auch etwas für mich zu lesen – sonst fehlt mir einfach etwas. Im Urlaub ist sie deshalb mehrmals gemütlich eingeschlafen, während ich ihr leise aus meinem aktuellen Buch „Die hellen Tage“ vorgelesen habe – und das waren für uns beide wunderschöne Momente.

Natürlich gibt es auch Momente, an denen ich an meine Grenzen komme. Der Löwenjunge verarbeitet zum Beispiel nachts das Erlebte, indem er sehr unruhig wird, um sich schlägt oder weint. Ich bin dann irgendwann erschöpft und der nächste Tag ist gefühlt 30 Stunden länger, die Schüler lauter und meine Bewegungen irgendwie langsamer. Aber erstens weiß ich inzwischen, dass solche Tage vorbeigehen und ich meine Arbeit trotzdem gemacht kriege – das gibt mir Sicherheit. Und zweitens mache ich dann Abstriche: Den Widerspruch für die Krankenkasse schreibe ich eben an einem anderen Tag. Das Geschirr bleibt abends stehen und ich erledige nur das Allernötigste. Anstatt einer gesunden Zwischenmahlzeit gibt es Schokolade für mich – und vielleicht noch einen Kaffee mehr. Es gibt auch ein oder zwei Personen, die ich, wenn ich wirklich mit meinen Kräften am Ende bin, kurzfristig anrufen kann, damit sie mir zwei Stunden die Kinder abnehmen – das Wissen alleine gibt mir auch schon Kraft.

Insgesamt bin ich gelassener geworden, seit ich unseren Weg besser kenne. Ich renne nicht mehr meiner Zeit hinterher und kann mir im Alltag immer wieder ruhige Momente verschaffen (auch wenn das zum Beispiel am Wochenende oder jetzt in den Ferien bedeutet, dass die Kinder jeden Tag eine Stunde fernsehen dürfen. Oder auch mal länger). Früher habe ich mir nie bewusst soviel Zeit für mich genommen und diese auch genossen – sondern war, auch bevor ich Mutter wurde, ständig mit irgendwelchen mehr oder weniger wichtigen Sachen und „Projekten“ beschäftigt.

Wenn die Einschlafbegleitung abends länger dauert, schaffe ich es meist, die Zeit zu genießen als das, was sie ist: Momente, in denen ich nur für meine Kinder da bin und in denen sie mit mir als Bezugsperson das teilen wollen, was sie tagsüber erlebt haben – oder einfach meine Nähe suchen.

Für mich ist also unser Weg keine „Aufopferung“, im Gegenteil. Er fühlt sich gut an und wenn ich das Vertrauen sehe, das meine Kinder mir entgegen bringen (und ich ihnen), dann weiß ich, dass dieser Weg für uns als Familie der einzig richtige ist.

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade von Geborgen wachsen.

Ein Gedanke zu „„Und wann denkst Du mal an Dich?“ – Über Attachment Parenting und Selbstfürsorge

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