Blogreihe: Bedürfnisorientiert und Behinderung – (wie) geht das? Teil I

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Ein Kind mit (geistiger) Behinderung bedürfnis- und bindungsorientiert erziehen – geht das überhaupt?

Eigentlich wollte ich nur einen Artikel darüber schreiben – und diese Fragestellung ansonsten hier in den „Blogalltag“ einfließen lassen, habe aber jetzt festgestellt, dass das Thema doch ganz schön umfangreich ist – deshalb habe ich mich entschlossen, eine Blogreihe dazu zu starten. Ich werde also in loser Folge immer mal wieder darüber schreiben – und freue mich auch sehr über Gastebeiträge dazu.

Zunächst einmal: Was ist überhaupt eine bedürfnis- und bindungsorientierte Erziehung?

Der englische Begriff heißt „Attachment Parenting“ und die meisten denken dabei als erstes an Tragen (konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht und wäre auch bei einem Säugling und einem nichtlaufenden behinderten Kleinkind nur schwer machbar gewesen), Stillen (habe ich, allerdings aus verschiedenen Gründen beide Kinder nur jeweils 9 Monate) und Familienbett (gibt es bei uns zur Zeit gleich zwei). Aber, wie Inke Hummel in ihrer Erklärung auf dem Blog Bindungs(t)räume schreibt, AP ist gleichzeitig viel mehr – und trotzdem nicht so kompliziert wie es klingt:

Im Alltag ist es aber eben kein Abhaken eines Punktekatalogs.

AP kann auch sein zu erkennen, dass ein Baby besser schläft, wenn es alleine in seinem Bett liegt, dass die Eltern besser schlafen, wenn sie sich aufteilen und eine Zeit lang nachts trennen und nur einer beim Baby schläft (…)

AP kann auch sein zu erkennen, dass ein Kind lieber viel am Boden liegt und sich bewegt, statt viel getragen zu werden. Oder dass ein Baby gerne im Kinderwagen liegt anstatt in der Enge des Tragetuchs zu sein.

(…)

AP ist eben vor allem Beziehung, Einfühlen, Spüren was gebraucht wird. Empathie, sich einlassen auf was auch immer gebraucht wird. Reagieren, ausprobieren, auch mal scheitern und neu angehen.

Und dabei versuchen das Familiengefüge in Balance zu halten, denn alle brauchen unterschiedliche Dinge: das jüngste Familienmitglied, die anderen Kinder, die Eltern als Einzelpersonen und als Paar.

Das klingt für manche Ohren nach einem unerklimmbaren Berg und nach unerreichbarer Perfektion, aber das ist es gar nicht.

Es braucht nur Zeit, Herz, Vertrauen und Kommunikation. Es braucht eigentlich ziemlich wenig Bücher, keine Einteilung in Phasen und Schübe, keine Vergleiche mit anderen. Es braucht ein Hinsehen, und es braucht Milde, besonders auch mit sich selbst.

Trotzdem ist AP auch nicht gleichzusetzen mit einer „Laissez-Faire“-Erziehung – es gibt auch bei uns Regeln und Grenzen (ein gutes Beispiel dafür habe ich heute zufällig  hier gefunden).

Für mich bedeutet Attachment Parenting momentan vor allem, dass ich

  • mich so gut wie möglich in die Bedürfnisse meiner Kinder hineinversetze. Auch wenn das Löwenmädchen für sein Alter sehr groß gewachsen ist und sehr gut spricht, so braucht sie es zum Beispiel nach einem langen Tag doch, wenn sie auch mal Baby spielen und sich verwöhnen lassen kann.
  • meinen Kindern zutraue,  viele Entscheidungen selbst treffen zu können, z.B. beim Essen oder Schlafen (wenn eines der Löwenkinder vorm Kindergarten nicht frühstücken möchte, ist das völlig in Ordnung. Ich weiß, dass sie im Kindergarten genug Zeit und Gelegenheit haben, das nachzuholen).
  • versuche, alte Glaubenssätze und Erziehungsmechanismen zu vermeiden oder wenigstens zu hinterfragen („Das macht man nicht!“ streiche ich nach Möglichkeit aus meinem aktiven Wortschatz – wenn mir der Satz auf den Lippen liegt, überlege ich vielmehr, wer „man“ ist und ob dieser Glaubenssatz wirklich meinen eigenen Prinzipien entspricht)
  • mich frei nach Susanne Mierau frage: „Ist das gerade wirklich wichtig?“ – ist es gerade wirklich wichtig, das Puzzle aufzuräumen, wenn alle Riesenhunger haben oder ein Löwenkind gerade eine Kuscheleinheit braucht?
  • zu erkennen versuche, welche Bedürfnisse hinter dem Verhalten der Kinder liegen. Wenn das Löwenmädchen mir beim Üben mit dem Löwenjungen dazwischenfunkt, möchte sie vielleicht auch einfach die gleiche ungeteilte Aufmerksamkeit. Je nach Situation kann ich dann entweder mit beiden Kindern gemeinsam üben, den Löwenpapa mit einspannen oder das Löwenmädchen bitten, etwas für mich zu erledigen und sie so miteinbeziehen.
  • auch die Bedürfnisse der Erwachsenen im Blick habe. Einige werden empört aufschreien, aber bei uns wird momentan sonntags mittags meist vorm Fernseher gegessen. Die Löwenkinder dürfen sich einen Film aussuchen und knabbern belegte Brote und Rohkost, während der Löwenpapa einen Mittagsschlaf macht und ich neben den Kindern auf dem Sofa in Ruhe einen Milchkaffee trinke und Zeitung lese.
  • den Kindern meinen Bedürfnisse und Grenzen so gut es geht erkäre und vermittle – so, dass sie es verstehen können.

 

Vielleicht ist Euch auch aufgefallen, dass viele meiner Beispiele sich entweder auf beide Löwenkinder oder nur das Löwenmädchen beziehen – beim Löwenjungen ist das Erkennen seiner Bedürfnisse für mich nicht immer ganz so klar. Im nächsten Beitrag werde ich Euch genauer erklären, warum das so ist und Euch berichten, wie unser bedürfnisorientierter Weg bei ihm aussieht!

Ein Gedanke zu „Blogreihe: Bedürfnisorientiert und Behinderung – (wie) geht das? Teil I

  1. Pingback: „Und wann denkst Du mal an Dich?“ – Über Attachment Parenting und Selbstfürsorge | Kleinstadtlöwen

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